Editorial

Liebe Leserinnen und Leser

In dieser Ausgabe präsentieren wir Ihnen die Schweizer Literaturpreisträgerinnen und -preisträger des Jahres 2016 (ab S. 34). Unser Print-und-Online-Schwerpunkt versammelt Einsichten in die prämierten Werke, neue Kurzgeschichten und Essays der Ausgezeichneten, aber auch exklusives Photo- und Hintergrundmaterial. Wir wollen informieren und vermitteln, aber auch begeistern. Dieser Schwerpunkt ist nur entstanden dank der Förderung des Bundesamts für Kultur, der grosszügigen Mitarbeit der Prämierten, ihrer Übersetzer und Kollegen, dank einer gross angelegten, ideellen Zusammenarbeit innerhalb des Literaturbetriebs also. Solche Kooperationen gehören zum «Business as usual» dieses «Betriebs»: Förderinstitutionen, Verlage, Autoren, Übersetzer, Journalisten und ihre Medien, sie alle arbeiten zusammen. «Für die Literatur!», wie es so schön heisst.

Der Literaturpreisfeier vorgelagert, ab S. 6, findet sich aus gutem Grund noch ein anderer Schwerpunkt. Er erklärt, wie betriebliche Abhängigkeiten verschiedenster Art auch unangenehme Nebenwirkungen haben können – erst recht, wenn der Betrieb so klein ist wie der schweizerische: «Der Literaturbetrieb ist ein kleines, buntes Planschbecken, gefüllt mit lauwarmem Wasser, in dem sich alle Beteiligten um die wenigen Plätze streiten. Und wer das öffentlich sagt, fliegt raus», sagte mir jüngst ein befreundeter Verleger. Das gilt für den Kritiker, der auf befreundete Autoren oder Anzeigenkunden Rücksicht nehmen muss, ebenso wie für den Schriftsteller, der eine Preisvergabepraxis kritisiert, oder eben jenen Verleger, der die Planschbecken-Allegorie nur beim privaten gemeinsamen Mittagessen geäussert hat. Weil alle mit allen verbunden sind, ökonomisch wie ideell, läuft permanent Gefahr, die eigene Position im Betrieb zu verlieren, wer die «falschen» Fragen stellt.

Klar: auch wir freuen uns, wenn Verlage Anzeigen schalten oder Institutionen an uns herantreten, um unsere Arbeit zu fördern – ohne gäbe es uns nicht. Wir sind also dankbar. Aber wir stellen auch fest: Manche Abhängigkeiten hinter dem Credo «Für die Literatur!» sorgen mitunter für kleinkrämerisch-unreflektierte Umtriebe seitens der Kritiker, deren Ziel es ist, das «bedrohte» Schweizer Literaturbiotop mit dauernden Lobeshymnen im Feuilleton zu «retten». Betrieb und Publikum haben sich dran gewöhnt, freundliche bis harmlose, um nicht zu sagen belanglose PR-Fetzen zu lesen. Den Betrieb freut’s. Bunter oder lebendiger wird er aber dadurch nicht – und die darin entstehenden Bücher auch nicht. Daher: «Für die Literatur!» – Aber: mit der nötigen kritischen Distanz. Aus Wertschätzung für und ebenso grosser Sorge um die Literatur und ihren Betrieb.

 

Viel Vergnügen!

Ihr
Michael Wiederstein