«Frauen und Macht!»

Seit Anbeginn der kulturellen Geschichtsschreibung durften Frauen nur dann öffentlich reden, wenn ihnen Gewalt angetan wurde oder wenn es um Kinder und Haushalt ging.

«Frauen und Macht!»

Ich klappe das Buch zu. «Das eine bleibt immer bezweifelt im anderen», sagt meine Freundin, die sich erkundigt hatte, was ich gerade lesen würde. Sie weiss, wovon sie spricht. Warum wird eine Frau wie sie, nachdem sie in den Stadtrat gewählt worden ist, noch immer gefragt: Und wer kümmert sich jetzt um die Kinder?

Mary Beard, die Autorin des Essaybands «Frauen und Macht», hat keine Antwort auf das «Warum?», aber eine auf das «Seit wann?». Seit Anbeginn der kulturellen Geschichtsschreibung, seit Odysseus, Penelope und Telemachos, durften Frauen nur dann öffentlich reden, wenn ihnen Gewalt angetan wurde oder wenn es um Kinder und Haushalt ging. Die Frau – das «Weibliche» – wurde systematisch daran gehindert, in den konventionell definierten Machtraum einzutreten. Und wenn sie sich doch hineintraut, dann bedeutet Durchsetzungsfähigkeit noch heute: Hosenanzug und eingeübt tiefe Stimme.

«Warum ist die weibliche Verletzlichkeit nach wie vor allein dann akzeptabel, wenn sie neurotisiert und persönlich ist, wenn sie auf sich selbst zurückverweist?», fragt dazu passend Chris Kraus in ihrem Roman «I Love Dick». Die Frage liegt auch meiner Freundin und mir auf der Zunge.

«Wir müssen ‹Macht› umdefinieren», sage ich. «Fluid und verhandelbar soll diese neue Art von Macht sein. Und sich ihrer eigenen Ambivalenz nicht entziehend.» Meine Freundin nickt. «Beharrlich und laut müssen wir diskutieren», sagt sie. «Über unbezahlte Care-Arbeit. Misogynie. Den Kopf der Medusa.» – «Aber auch die Verletzlichkeit hat ihren Platz», füge ich an. «Diese Macht kennt weiche Stoffe.» Meine Freundin lacht. «Und sie hat eine rauhe Zunge», sagt sie.

Menschen an den unterschiedlichsten Orten sprechen, munkeln, debattieren bereits über diese neue Macht, in der es mehr um «sich ermächtigen» als um «Macht haben» geht. In dieser Macht gibt es keine Reduktion aufs Mutter- oder Nicht-Mutter-Sein, und auf die Frage, wer sich um die Kinder kümmert, gibt es keine Antwort, die «Mein Mann ist wirklich toll und hilft gut mit» lautet. Es gibt dort ein WIR. Diese Macht ist ein Raum, in den nicht nur Frauen eintreten, sondern alle.