Besser nicht sein!

Besser nicht sein!

Gion Mathias Cavelty: Innozenz.

 

Gion Mathias Cavelty ist der radikalste Autor der Schweiz. Er schert sich nicht um literarische Trends und zieht sein Ding bis in die letzte (oder erste) Konsequenz durch. Etwa in «Die Andouillette oder Etwas Ähnliches wie die Göttliche Komödie», als der Autor sich einen Gott erdachte, der die prostataähnliche Idee einer Lichtfrucht ist und sich nicht überwinden kann, sich selber zu schaffen. Oder eben in seiner jüngsten «Legende» (manche nennen es einen Antiroman) «Innozenz». Cavelty, grosser Kenner diverser okkulter Disziplinen, peitscht sein intellektuelles Pferdegespann (oder die Idee davon?) über sämtliche erdenkliche Klippen ins Nichts.

Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive eines Buches erzählt, dessen Seiten weiss sind «wie das weisseste Weiss». Es begleitet Innozenz, der vom Papst mit einer schwierigen Mission betraut wurde. In Schwamendingen soll ein Sektiererbund sein Unwesen treiben, «der in seiner Schlechtigkeit alles übertrifft, was mir je an Schilderungen von Schlechtigkeit zugetragen wurde». Was folgt, ist eine Mischung aus Fantasysaga und philosophischem Gedankenspiel, denn Cavelty kann genauso mit Stephen King wie mit den Gnostikern. Er vermengt einem Alchemisten gleich Zutaten, die wohl niemandem sonst je zu mischen in den Sinn kämen – und heraus kommt Köstliches. Dabei geht es neben aller Freude am Absurden auch immer um Erkenntnis und Magie. Caveltys grösster Coup war einst ein «Blick»-Artikel über den singenden Coiffeur Piero Esteriore («Nur das Rindsfilet bleibt stumm»), der diesen so sehr erzürnte, dass er mit seinem Auto ins Redaktionsgebäude fuhr. So wurde das Wort Fleisch beziehungsweise Tat.

«Innozenz» indes gipfelt in der Erkenntnis, dass die gesamte Schöpfung, jede Idee, jede Tat, jegliches Leben eine Beleidigung sei. «Wonach wir uns sehnen (…) ist die Vor-Schöpfung. Das Prä-Kosmische. Das infinipandimen­sionale Ur-Chaos. Das durch nichts Eingeschränkte», erklärt das Spiegelbild des flämischen Adeligen Bohu Hacquart (sein Bruder heisst Tohu) gegen Ende des Buches. Auch Caveltys Werk ist eine Beleidigung – immerhin keine an die Intelligenz des Lesers.


Gion Mathias Cavelty: Innozenz.
Zürich: lectorbooks, 2020.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»