Ernst Halter: «Mermaid»

Ernst Halter:
«Mermaid»

 

Kurz vor Ernst Halters 80. Geburtstag erschien der Roman «Mermaid». Roman? Wenn dieses Werk des in Zofingen geborenen Lektors, Herausgebers, Publizisten und Schriftstellers überhaupt ein Roman ist, dann einer für nachdenkliche, abwägende und entschleunigungsbereite Leser, die keinen rasanten Action-Plot brauchen, auch essayistisch-reflexive Passagen nicht scheuen und Freude haben an fein ziselierter, manchmal überaus komplizierter Seelen- und Sprach­arbeit. Ab und zu ist «Mermaid» ein recht privates Buch – kein Wunder, geht es doch um Privates, um Intimes, um das, was man gelegentlich als «Obsession» zu bezeichnen pflegt: um die bürgerliche Konventionen sprengende Unbedingtheit des Begehrens.

Das Milieu ist kein proletarisches. Die Hauptfiguren des vier Jahre währenden, immer wieder durchaus dramatischen Geschehens sind eine aus Celano in den Abruzzen stammende, in Mailand wohnende und international tätige Kunsthistorikerin namens Stella De Marinis, auch Mermaid genannt, und ein wohlhabender, mit seiner Ehefrau Ellen eng verbundener und sie später liebevoll pflegender Zürcher Literat namens Elias, den die Begegnung mit Mermaid in nicht mehr beherrschbare Flammen gesetzt hat. «Sie waren unrettbar: ach ja, sie liebten einander wie zwei auf einem untergehenden Schiff: restlos, willenlos, das Dunkel suchend, gebend und empfangend.» Man trifft sich an attraktiven europäischen Destinationen, logiert in den besten Hotels, speist gern in exquisiten Restaurants – und findet leidenschaftlich zueinander, «Nacht für Nacht». Der Sog des Begehrens setzt die herkömmliche Moral ausser Kraft: «Zwei Frauen zu lieben: War es Betrug?», fragt sich Elias. «Ein Zuviel war es, das ihn ständig krank zu machen drohte, eine permanente Erschöpfung, ein schmerzendes Glück…» Allen «Guten und Braven» müsse sein Tun als verwerflich erscheinen, ihm selbst sei es «eine Last» – doch «ich will, ich kann es nicht ändern. Ich lebe jetzt den Dual.» Zur Literarisierung dieses die «Kanzelbegriffe» Gut und Böse hinter sich lassenden Duals, sprich: zur hier erzählten, durch intensive Kunst-, Literatur- und Landschaftserlebnisse beflügelten, von vornherein im Schatten von Krankheit und Tod ausge­lebten Leidenschaft, gehört unbedingt eine gemeinsame Sprache der Liebe, ein italienisch-deutscher Signalcode, ein sich ständig veränderndes «Repertoire von Gesten und Schlüsselworten». Das oft ein wenig umständlich und weitschweifig wirkende Ringen um eine solche Sprache macht den grössten Teil dieses immer wieder übercodierten, mit einer schmerzhaften Trennung und einem beinahe tödlichen Unfall endenden Textes aus. Sein Plot, wenn man das so nennen darf, wie auch seine Erzählweise machen unabweisbar deutlich: «Der Glaube, es gebe das Gute und das Böse rein destilliert, verengt unsern Blick auf die Welt von 360 auf 1 Grad.»

Ernst Halter: Mermaid. Tübingen: Klöpfer & Meyer, 2018.