Irène Bourquin: «Schaukelnd im grünen Atem des Meeres»

Irène Bourquin:
«Schaukelnd im grünen Atem des Meeres»

 

Letter für Letter liebevoll im Bleisatzverfahren gedruckt und von Hand geheftet. Mit «Schaukelnd im grünen Atem des Meeres» legt Irène Bourquin ein auffallend schön aufgemachtes Gedichtbüchlein vor. Auf knapp sechzig Seiten nimmt die Autorin die Leser mit auf eine poetische Reise entlang des Mittelmeers. Fixpunkt dieser bourquinischen Kartographie ist die Natur. Bevor jedoch die weiten Landschaften der Küsten Italiens, Spaniens und Frankreichs ins Visier geraten, treibt es Bourquin zu Beginn ihrer Gedichtsammlung in die Enge der Tessiner Täler. In «Val Bavona» spielt Bourquin mit dem Tessiner Autor Plinio Martini auf einen weiteren Landschafts- und Ortssehnsüchtigen an. Während bei Martini das Tessin zum Sehnsuchtsort wird, sind es für Bourquin Orte wie Finale Ligure, Montélimar oder Sète. Besonders die hie und da in die Gedichte eingeflochtenen französischen, italienischen und spanischen Wortsprenkel sprechen von dieser Sehnsucht.

Es sind langsame, meditative Passagen ohne grosses Trara, die Bourquin schreibt. Mehr als einmal bilden sich beim Lesen klare Bilder im Kopf. Insbesondere Bourquins Liebe zur Metaphorik fällt auf. So nimmt die Natur oft tierische oder gar menschliche Züge an. Diese Vergleiche kippen jedoch bisweilen auch ins Kitschige. «Aufklatschende Welle / Klangdelphin / der Nacht.» Gewisse Wendungen in den Gedichten vermögen zu überraschen, etwa wenn der Regen «den taubenverschissenen / steinernen Helden / den Kopf» wäscht, doch alles in allem kommen die Zeilen romantisch verklärt daher. Vielleicht mag das daran liegen, dass Menschen in Bourquins neuem Gedichtband wie Fremdkörper anmuten. Dringlichkeit ist zwar immer wieder zu spüren, beispielsweise wenn Bourquin Stillstand in Europa diagnostiziert, «ein Stier, die Nasenlöcher, schnauben Gischt // Europa / im Schlepptau / führend / kommt er / nicht vom Fleck». Leider versanden diese Ansätze allzu oft wieder oder werden relativiert.

Bourquins «Abenteuer sind nicht gefährlich», titelt der Klappentext. Und das sind sie wirklich nicht! Die Lyrik Bourquins gleicht zwar einem wunderbaren Naturspaziergang. Aber es schleicht sich die Frage ein, ob der reale Spaziergang den Gedichten nicht vorzuziehen wäre, denn Natur ist für sich alleine stehend schon voller Poesie. «Maskengesicht / unergründlich / weglachend / den Schrecken der Welt», schreibt Bourquin kurz vor Schluss. Sie täte gut daran, sich diese Maske vom Gesicht zu reissen. Denn Lyrik hat weit mehr Potenzial, als nur Naturbilder einzufangen.

Irène Bourquin. Schaukelnd im grünen Atem des Meeres. Frauenfeld: Waldgut, 2016.

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