Roman Graf:
«Mädchen für Morris»

 

Morris kam mit vierzehn bei einem Fahrradunfall ums Leben. Sein Vater, Albert Keller, trauert auch zwanzig Jahre später noch um ihn. Als er dem Schriftsteller Jean Mason davon erzählt, verspricht ihm dieser, einen Roman über Morris zu schreiben – ausserdem gibt er ihm den Rat, ein Mädchen für Morris zu suchen: «Es ist deine Pflicht als Vater, ihm die Erfahrung der Liebe zu ermöglichen.» Ohne diese Worte zu hinterfragen, macht Keller sich auf die Suche nach einem Mädchen für seinen Sohn – auf dass er Liebe und Sexualität kennenlerne. Masons Tochter Joëlle scheint ihm die ideale Partnerin zu sein. Allein, es findet selbstverständlich nicht Morris, sondern sein Vater Gefallen an der Zwölfjährigen. Mit Druck und Manipulation macht er sie sich gefügig.

Roman Graf erzählt vom Missbrauch eines Mädchens durch einen alten Mann. Der Roman ist aber auch die Geschichte von einem Vater, der am Tod seines Kindes zerbricht. Graf beschreibt, wie Keller immer wieder von schmerzlichen Erinnerungen eingeholt wird, die ihn auch nach zwanzig Jahren, zwei Klinikaufenthalten und vielen Psychopharmaka immer noch quälen.

Wer Vladimir Nabokovs «Lolita» kennt, wird in «Mädchen für Morris» inhaltliche und formale Parallelen erkennen. Grafs Hommage an Nabokovs Klassiker entwickelt die Kernstory jedoch weiter: Während die Hauptfigur von «Lolita» aus seinem Begehr für das Mädchen keinen Hehl macht, geht Keller perfider vor. Er setzt den Tod seines Sohnes «strategisch» ein, um sein Verhalten vor sich selbst, vor Joëlle und dem Leser zu rechtfertigen. Er nimmt seine Trauer als Vorwand, jungen Mädchen nachzustellen – und Masons Ratschlag als Freibrief, noch weiter zu gehen.

Graf führt den Leser aber auch geschickt aufs Glatteis, indem er die Realität und die Phantasie Kellers ineinander übergehen lässt. Für die Leser bleibt es lange im Dunkeln, ob gewisse Figuren nun zur von Keller erlebten Welt oder zu Jean Masons Roman-im-Roman gehören. Es macht Spass, sich auf diese Unsicherheiten einzulassen. Trotz der komplexen Themen liest sich der raffiniert aufgebaute Roman dank der flüssigen und eleganten Sprache gut. Die Textteile, in denen es um den Tod von Morris geht, sind allerdings schwer verdaulich. Gleiches gilt für die Sexszenen zwischen Keller und Joëlle. Wer damit zurechtkommt, findet in «Mädchen für Morris» eine aufwühlende Lektüre.

Roman Graf: Mädchen für Morris. München: Knaus, 2016.

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Peter Stamm, Schriftsteller,
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