Jenseits von Plan- oder Machbarkeit

Ursula Fricker: Ausser sich. Zürich: Rotpunktverlag, 2012.

Jenseits von Plan- oder Machbarkeit

Die Trostlosigkeit schlägt einem mit aller Wucht entgegen. Es ist nicht nur das frisch gewischte Linoleum. Es ist auch nicht das in einer Ecke offen stehende Fläschchen Desinfektionsmittel. In einem Pflegeheim für schwer behinderte Menschen ist es alles zusammen. Vor sich hinvegetierend, sitzen sie da, auf ihren Stühlen, in sich versunken, abgeschnitten von der Aussenwelt. Und dabei wirken sie nicht einmal unglücklich. Allein den Besucher macht ihr Dasein betroffen, denn die Hoffnung auf Besserung fehlt – sie bleibt einfach draussen. Der wunde Punkt der westlichen Gesellschaften ist das Unkontrollierbare – und Ursula Fricker trifft ihn in ihrem Roman «Ausser sich» ziemlich gut.

Von einem Moment auf den anderen wird der Lebensentwurf der 40jährigen Katja durch eine Hirnblutung ihres Ehemannes über den Haufen geworfen. Die moderne Medizin rettet Sebastian zwar vor dem Tod. Doch der Mann, dessen Herz noch schlägt und der selbständig atmet, hat kaum mehr etwas gemein mit dem einstigen Geliebten. Nichts und niemanden scheint Sebastian zu erkennen. Weder verbale noch nonverbale Kommunikation ist möglich – ein Zustand, der dauernder Betreuung in einem Heim bedarf. Hätte er dieses Leben gewollt? Würde er es überhaupt merken, wenn sie wegbleiben würde? So fragt sich Katja, die von nun an Wochenenden und Ferien mit der Pflege einer Hülle von Mensch verbringt.

Lohnt sich ihr Martyrium für Sebastian, mit dem sie nur noch Vergangenes verbindet? Dürfte, müsste sie nicht loslassen und weitergehen? Ist ein solches Leben denn überhaupt noch lebenswert? Unausgesprochen bleiben diese Fragen, die sich unweigerlich stellen, sie keimen zwischen den Zeilen auf – und entwickeln gerade dadurch eine fesselnde Eigendynamik. Rückblenden auf die beiderseits bewusst erlebte, gemeinsame Zeit des Berliner Architektenpaars kontrastieren zusätzlich.

Die unbequem-detaillierten Beschreibungen ihres neuen Alltags – Sebastian sitzt wortlos vor ihr auf dem Bett, die Windel zerfetzt, Kot im Gesicht, im Haar und an den Wänden, sie führt ihn in die Dusche und wäscht ihn – genügen, um das Elend mit bedrückender Intensität deutlich zu machen. Ursula Fricker hat es nicht nötig, lauter auf die individuelle Beantwortung der essentiellen Frage zu pochen, die sich nach der Lektüre des Romans stellt. In nüchternem Ton veranschaulicht die Autorin die Abwärtsspirale Katjas: Hoffnung, Ohnmacht, Verzweiflung, Selbstaufgabe – das erzeugt trotz betonter Sachlichkeit einen mitreissenden Strudel, einen Abgesang auf die Fragilität des Lebens, aus dem man erst zum Schluss erlöst wieder auftaucht.