Franz Hohler: «Das Päckchen»

Franz Hohler:
«Das Päckchen»

 

Als «Krimi» oder «Thriller» wurde Franz Hohlers neuster (und angeblich letzter) Roman schon angepriesen, doch damit tut man dem Buch keinen Gefallen, denn wirklich packend ist «Das Päckchen» nicht. Obwohl die Anfangsidee auch von Paul Auster stammen könnte und es gegen Ende ein wenig dramatisch wird, ist der Roman im Kern nichts anderes als eine nostalgisch gestimmte Hommage an die Buchkultur, deren Untergang immer mal wieder heraufbeschworen wird. Die Macht des gedruckten Wortes demonstriert nicht zufällig eine Kalendergeschichte Hebels, die die Gemüter zutiefst bewegt, nachdem zuvor ergebnislos über die Folgen der Digitalisierung diskutiert wurde.

Der Roman dreht sich denn auch um ein Buch, nicht irgendeines, sondern um das älteste Buch deutscher Sprache, den sogenannten «Abrogans», ein lateinisch-althochdeutsches Glossar, dessen Geschichte von zwei Enden her erzählt und alternierend ineinander verfugt wird. Der eine Erzählstrang führt ins düstere Mittelalter zum Urheber des Glossars, dem jungen, in Schreibarbeiten talentierten Mönch Haimo, der damit beauftragt wird, seine Abschrift von Regensburg ins Kloster von Monte Cassino zu bringen. Haimo wird sein Ziel allerdings nicht erreichen – die Reise, die der sündige Bruder mit seiner heimlichen Geliebten Maria und dem gemeinsamen Sohn antritt, verläuft und endet denkbar tragisch.

Der andere Erzählstrang spielt in der digitalen Gegenwart und hat mit dem leicht antiquierten Bibliothekar Ernst Stricker ebenfalls einen Buchmenschen zumProtagonisten. Auf mysteriösen Wegen gerät Stricker das mittelalterliche Glossar in die Hände. Um sich auf die Spur seines Vorbesitzers zu begeben, täuscht er falsche Identitäten vor, belügt seine Freundin und riskiert am Ende sogar sein Leben. Er setzt alles daran, Haimos gescheiterte Mission zu vollenden und das Buch 1200 Jahre später seinem Bestimmungsort zu übergeben.

Obwohl die beiden Erzählstränge unabhängig nebeneinander herlaufen, sind sie doch allegorisch aufeinander bezogen. Das Buch, so will es die bibliophile Pointe des Romans, ist nicht einfach ein «altes Buch», sondern ein «Bote aus einer anderen Zeit». An ihm hängt ein ganzes Schicksal, das erzählt werden will, und es besitzt eine eigene Geschichte, die Bibliothekar Ernst auf fast magische Weise affiziert. Tatsächlich streift Hohlers Roman zwischendurch das Übersinnliche und lässt zuletzt die Vergangenheit symbolisch in der Gegenwart aufleuchten, wenn die neugeborene Tochter des Bibliothekars denselben Namen wie Haimos Geliebte trägt: Maria. Hier wird eine historische Schuld eingelöst und, aus narratologischer Perspektive, ein Kreis geschlossen.

«Das Päckchen» ist eine routiniert, doch reichlich stereotyp erzählte Geschichte, unaufdringlich versehen mit historischem und buchkundlichem Hintergrundwissen, gelegentlich aufgelockert durch Situationskomik und sanfte zeitkritische Seitenhiebe. Bisweilen wirkt die Erzählung etwas zu gut geschnürt – doch für ein Päckchen muss das nicht zwingend nachteilig sein.

Franz Hohler: Das Päckchen. München: Luchterhand, 2017.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
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Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
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