Schafe, Maulesel und Limoncello

Patric Marino: Nonno spricht. Bern: Lokwort, 2012.

Schafe, Maulesel  und Limoncello

Ein schmaler Band, der Umschlag rot, ein grünes Basilikumblatt vorne drauf – schlicht und aufs Existenzielle reduziert präsentiert sich Patric Marinos Prosa aussen wie innen. Der junge Autor, 1989 in Bern geboren und heute wohnhaft in Münsingen, hat am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel studiert, «Nonno spricht» ist seine erste Veröffentlichung. Sechsmal ist er während der Arbeit an seinem Buch von Münsingen im Kanton Bern nach Guardavalle in Kalabrien zu den Grosseltern gefahren, achtzehn Stunden und dreiundvierzig Minuten dauert die Zugreise heute – fünfzig Jahre früher war der Nonno noch zwei volle Tage unterwegs, in umgekehrter Richtung: zu den Alpen hin, in die Schweiz, als Gastarbeiter, wie er seinem Enkel bei einem der Besuche erzählt.

 Der Nonno ist es auch, der seinen Enkel mitnimmt in die Geschichten des kalabrischen Dorfes und an die Orte, die er kennen soll. Er zeigt ihm den Olivenbaum, den er zwei Jahre zuvor ausgegraben und hinter dem Haus wieder eingepflanzt hat. Und er freut sich, dass der Baum am neuen Ort mehr Oliven trägt als je zuvor. Dass aus Oliven heute nicht mehr mit Mauleseln oder Ochsen Öl gewonnen wird, sondern alles mit Maschinen gemacht wird, stellt dieser Grossvater ohne Wertung fest, und im gleichen Ton erzählt er, wie er und sein Bruder Paolo Wassermelonen assen, vom Bauern, durch dessen Land der Nonno damals die Schafe trieb, die er zu hüten hatte. «Durch die Tritte der Schafe lösten sich die Wassermelonen und kullerten auf die Strasse. Von dort rollte Paolo sie in den Schatten der Bäume, und wir assen Wassermelone, bis unsere Bäuche schier platzten.»

 Wenn der Enkel, der im Text von den Grosseltern auch immer wieder mit Patric angesprochen wird, im Dorf ist, lernt er nicht nur die Bräuche und Gepflogenheiten kennen, die sich und die Menschen über die Jahrzehnte verändert haben, sondern auch die weitverzweigte Familiengeschichte. Da ist Zio Mimmo, der ein ganzes Waschbecken voll Basilikum mitbringt und mit dem Nonno den selber hergestellten Limoncello trinkt. Und Zio Paolo starb bereits 1992 in Deutschland, wollte aber im Dorf begraben werden. «Wir gingen zusammen zur Schule, in die Marine und in die Schweiz», erzählt Nonno. Er blieb, Paolo zog weiter nach Hannover.

Geschichte um Geschichte taucht Patric Marino tiefer ein, dank der Erzählfreude der Grosseltern. Der junge Secondo aus der Schweiz, der gleichzeitig der Enkel und der Autor ist, entdeckt das Herkunftsland seiner Eltern mit spürbarer Anteilnahme. Entstanden ist ein kaleidoskopartig gestalteter Text, der aus zahlreichen einzelnen kurzen Episoden besteht, die, ohne Zusammenhänge herstellen zu wollen, nacheinander stehen. Das Buch beschränkt sich auf Einblicke in den Alltag im Dorf, in das Leben von Verwandten, lässt die Leserinnen und Leser teilhaben an den Dorffesten und Prozessionen. Dabei geht kaum hervor, wie sich der Enkel im Dorf zurechtfindet, wie dieses Leben auf ihn wirkt, wie er die beiden Welten wahrnimmt und mit den Widersprüchen umgeht. Doch dies wäre nicht die
Geschichte, die Nonno erzählt, es wäre die Geschichte des Ich-Erzählers. Und der spricht hier nicht.