Eva Seck, fotografiert von Ramon Giger.

Eine Expedition durch Gottfried Kellers «Züricher Novellen»

Refresh # 6

Es dauert einen Moment, bis ich mich in seiner Sprache und in der unübersichtlichen Anzahl an Figuren zurechtfinde. Gefühlt jeder Nebensatz öffnet ein Türchen zu einer neuen Geschichte. Während das Handy aufleuchtet und ich ein Foto von einem Wolkenhimmel like, breitet sich Kellers ausschweifende Beschreibung der Natur des Zürcher Oberlandes vor mir aus. Zu Beginn der Lektüre sitze ich mit einer Jacke über den Schultern und einer Wolldecke über den Füssen an meinem Schreibtisch, der Sommer ist bislang kühl und nass. Dies ist die Szene, vor der ich mich seit Wochen fürchte, der Moment, wo ich einen Text über Gottfried Kellers Novellen in den Computer hacken soll, obwohl bereits jeden Tag ein neuer Essay von irgendeinem Schriftsteller über Gottfried Keller veröffentlicht wird. Wo beginnen? Die Menschen im 19. Jahrhundert hatten die Zeit zu flanieren, den Tag auf einer Wiese beim Schiessen zu verbringen und über (unsinnige) Dinge nachzudenken, ausgiebig zu essen und zu trinken, kurz, das Leben zu feiern – das alles stimmt mich fröhlich, als ob ich ein Stück dieser Langsamkeit und Lebensfreude in die Gegenwart überführen könnte (kaum klappe ich das Buch zu, ruft die Kita an, 6 neue E-Mails sind eingetroffen, 50 neue Nachrichten in diesem elenden WhatsApp-Chat und das Worddokument zeigt noch immer eine weisse Oberfläche). Die beschriebenen Schauplätze befinden sich nur wenige Zugstunden weit weg. Das macht das Lesen fast heimelig. Die Wollishofer Allmende, das Sihlufer, welches ich nur in der Stadt kenne, vom HB aus aufwärts, aber noch nie war ich ihm aus der Stadt hinaus gefolgt. Den Botanischen Garten würde ich gerne sehen und nehme mir vor, einen Ausflug dorthin zu planen, als offizielle Zürich-Touristin (früher war ich dort Party-Touristin, «El Cubanito», you name it).

Fast am besten gefallen mir die Geschichten in den Geschichten, wie jene der Frau Marianne, die in der Novelle «Der Landvogt von Greifensee» auftaucht. Wie sie als eine von vielen Geschwistern unter der Knute ihrer bösen Stiefmutter aufwuchs. Wie sie sich gegen ein Schicksal im Kloster auflehnte. Wie sie sich als junge Frau gegen die üble Nachrede eines eifersüchtigen Offiziers wehrte und ihn vor anderen Offizieren mit einem scharfen Küchenmesser bewaffnet zur Rede stellte, ihn damit entwaffnete und seinen Degen zerbrach, so dass er aus dem Regiment geworfen wurde. Wie sie gegen den Willen ihrer Eltern einen schönen Studenten heiratete, dem sie neun Kinder gebar (die alle starben) und den sie durchfütterte. Als dieser anfing, sie zu verachten, weil sie nicht mehr schön und jung war, liess sie ihn ziehen… Diese Geschichte der Frau Marianne, auf nur zwei reclamdünnen Seiten erzählt, enthält für mich mehr als zwei ganze Kellernovellen aufs Mal.

Grossartig auch, wie die Novellen enden, nämlich absolut unspektakulär. Im eben erwähnten «Landvogt von Greifensee» kommt der Landvogt tatsächlich auf die Idee, seine Ex-Freundinnen (die ihn alle aus dem einen oder anderen Grund abservierten) zu einem fröhlichen Beisammensein einzuladen. Die Frauen hat er mit lustigen Übernamen versehen, ein Vorgehen, das bis zum heutigen Tag beliebt ist. Ich erinnere mich an Spitznamen für die Liebhaber*innen meiner Freundinnen: de Affäre-Jonas, de Hunn, de Haari, d’Gnomi, …, usw. Die Schelmerei des Landvogts gelingt, die fünf Frauen treffen sich auf seinem Landgut zum Lunch und anschliessenden Lustwandeln, ich werde immer nervöser, ahne, dass so ein Aufeinandertreffen nur in einer Katastrophe enden kann – für wen, ist mir noch nicht klar. Doch die Geschichte endet mit einer fast zärtlichen Beiläufigkeit, fade-out.

Was noch? In der Rahmengeschichte der «Züricher Novellen» ist von Monsieur Jacques die Rede, einem jungen Schwärmer, der gerne ein ganz Spezieller wäre, ein Original. Schön, wie Keller ihn nie blossstellt, ihn höchstens mit dem Ironiestecken in die Seite piekst, nicht nur den Jacques, fast alle seine Figuren und mich ebenfalls. Ich lache laut, aua, verdammt, er meint mich. Jedenfalls: Jacques deutet zu Beginn des Textes beiläufig die Geschäfte an, mit denen seine Familie ihr Geld verdient: den Kolonialhandel. Jacques interessiert sich für die Botanik und irgendwie auch für Ovids Metamorphosen. Was in der Antike Lorbeer, Sonnenblume, Narzisse und Schilf war, ist in seiner Zeit Zuckerrohr, Pfefferstaude, Baumwoll- und Kaffeepflanze. Und Süssholz, das zu Bärendreck verarbeitet wird. Auf der anderen Seite der Welt bewegen sich Körper, die mit Gewalt durch diese Zuckerrohr-, Baumwoll- und Kaffeeplantagen getrieben werden, Körper, deren Eltern und Grosseltern auf einem anderen Kontinent lebten, bevor sie verschleppt wurden, um Europa, die Vereinigten Staaten und auch die kleine Schweiz reich zu machen. Körper, deren Herkunft einfach gelöscht wurde, wie von einer Festplatte, aber die Festplatte hat man zertrümmert, mit einem Hammer draufgeschlagen, immer wieder, bis nur noch zerstörtes Material übrigblieb, aber dieses Material sendet Signale aus, bis heute.

Auf den ersten Blick ein wenig sonderbar, wie der Erzähler in der Geschichte «Hadlaub» zwei Schwestern und Erbinnen von Schlössern beschreibt. Wie oft in GKs Texten tauchen Figuren auf, die er, ohne einen Aufwand zu scheuen, ausführlichst und über mehrere Seiten hinweg beschreibt, nur damit sie dann für die Weitererzählung der Geschichte keine Rolle mehr spielen. Ein toller Effekt, der mit Erwartungen und Lesegewohnheiten spielt, es ist das Gegenteil von effizienter Erzählökonomie: Ihr habt’s euch gemütlich gemacht und gedacht, aha, um die und die und um das und das geht es jetzt – nicht. Wie ging das noch mal in «Game of Thrones»? Zurück zu den Schwestern: Mulmig wurde es mir bei der äusserlichen (und charakterlichen) Beschreibung der beiden. Die ältere, Mechthildis, ist eine «fast russige, finstere und gewalttätige Person», während Kunigunde «von schöner und lieblicher Gestalt, von der weissesten Hautfarbe und anmutig heiterem Wesen» ist. Die eine mit der weissen Hautfarbe ist gutartig, die andere schwarz, russig, bösartig. Genau diese Dichotomie wurde auch in einer Radiosendung thematisiert, die ich mir letzthin anhörte. Es ging um das Bild der «Schweizer Hausfrau» in den 1930er Jahren und wie dieses im Zusammenhang mit dem kolonialen Denken stand, das damals (und heute?) allgegenwärtig war. In der Werbung konnte sich «die Schweizer Hausfrau» mit bestimmten Haushaltsprodukten das Privileg erkaufen, der zivilisierten Welt anzugehören – und sich von der «anderen» Welt abzuheben. Die Werbung sprach: «Ihr weissen Schweizerinnen seid nicht wie die unzivilisierten Schwarzen, nein, ihr Schweizerfrauen seid hochmoderne, kultivierte Hausfrauen, die ihr mit technologischen Geräten wie Staubsaugern eure Wohnungen saugt! Fucking Electrolux! Wir haben Wohnungen! Wir haben Teppiche, die man saugen kann!» Zwar verkündete die Aufklärung, dass alle Menschen gleich seien. Aber es gibt in Gottes Namen – und im Namen eben dieser Aufklärung naturgegebene – Unterschiede. Frauen haben die Fähigkeit, einen Haushalt zu führen, die Kinder zu versorgen und zu gebären. Im besten Falle sind sie dabei auch noch gutaussehend, lieb und ganz wichtig: fromm. Umgekehrt sind schwarze Menschen naturgemäss dafür da, auf den Baumwollfeldern und in den hellen Stuben weisser Familien zu schuften, ohne dafür bezahlt zu werden natürlich, denn es waren ja nicht wirklich Menschen. Ein Teil der grossen Identitätserzählung der Eidgenossen bildete sich bereits zu Lebzeiten Kellers stark über diese Abgrenzung von sogenannt rückständigen Menschen, die man missionieren musste, und der damit einhergehenden Kreation rassistischer Bilder. Das Kleinhalten von Frauen und die Abwertung des anderen sind eng miteinander verflochten. Die kolonialen Bilder des Weissseins (Weisssein ist nichts Gegebenes, Weissselbstsein ist sozial konstruiert) gibt es nicht erst seit den 1930er Jahren, sie waren bereits im 18. Jahrhundert (und früher) im Umlauf. Das weisse, reine Frauengesicht blitzt in Kellers Text kurz auf und es blendet mich.

Überhaupt die Frauenfiguren in den «Züricher Novellen», die einhergehen mit unzähligen Me-too-Momenten. Einer der kuriosesten in der letzten Geschichte, wo die religiös verwirrte Ursula auf einem Feld am Heuen ist und kurz nacheinander von zwei Männern angegangen wird (die sie mit der Mistgabel glücklicherweise erfolgreich abwehren kann, sonst wäre ihre Jungfräulichkeit dahin, die der Hansli Gyr aber dringend braucht, wenn er sie am Schluss doch noch bekommen soll). Ursula wird als ein von ihren Eltern vollkommen ferngesteuertes und geistig umnachtetes Mädchen dargestellt. Mädchen, Jungfern und Fräuleins sind sie sowieso alle, in sämtlichen Texten, selbst jene, die längst erwachsen sind. Auch wenn die Novelle «Ursula» heisst, im Grunde geht es darin um einen Mann, den eben erwähnten Hansli. Das war der Zeitgeist, klar, aber ich lese und interpretiere die Texte aus meiner Gegenwart heraus. Wie so oft, wenn es um Frauen geht, wird über sie geschrieben, über ihr seltsam anmutendes Handeln, bei dem man sehr schnell merkt, dass die wahren Motive im Dunkeln bleiben werden. Niemand macht sich die Mühe, sie wirklich verstehen zu wollen. Dazu müsste Ursula – die Frau – selber schreiben. GK beschreibt seine Charaktere durchaus menschlich, was bedeutet, dass sie heroisch und kläglich, lustig und ernsthaft, mutig und feige, dumm und gescheit sind. Keller blickt auf sein Zürich herab, aber er sieht nicht in alle Gassen und Winkel. Zum Glück gab und gibt es Menschen, die sich dort unten befinden, Menschen, die schreiben und beschreiben. Wenn wir sie lesen, können wir uns am Ende eine ganze unübersichtliche Stadt erschliessen.

Letzthin las ich in einem Zeitungsartikel, dass ab den 1870er Jahren in Zürich Menschen an Völkerschauen gezeigt wurden. Gutmöglich, dass auch Gottfried Keller sie gesehen hat. Wie oft denken weisse Menschen, wenn ihnen ein schwarzer Mensch in den Medien oder sonst wo begegnet, an einen Affen? Es ist heiss geworden in der Zwischenzeit, eine Tropennacht jagt die andere. Ich sitze am Schreibtisch, klackere mit den Fingern auf der Tastatur und schwitze wie ein Tier.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»