Malfatti für Alfonsina Storni

Vom Schrägen in Küche und Kunst

Malfatti für Alfonsina Storni

In einem Archiv in Buenos Aires liegen Fotos, die Alfonsina Storni an langen Esstischen mit Kollegen zeigen – doch, die exklusiv männliche Form ist richtig, eine Frau gehörte nicht in die Öffentlichkeit. Mit Appetit eine Neuerscheinung feiern, das ist Literaturbetrieb a la argentina. Die 1892 im Tessin geborene, 1896 mit ihrer Familie ausgewanderte Lyrikerin, Kolumnistin und Theaterautorin setzte sich ein lächerliches Hütchen auf, mit Feder oder tief ins Gesicht gezogener Krempe.

Andere Fotos zeigen Storni in der Küche. Nur die Verschmitztheit, mit der sie im Kochtopf rührt, verrät, dass sie die Rolle der gewöhnlichen «Hausfrau» für eine Illustrierte spielt. Als ein Chefredaktor ihr die Kolumne «Für die Frau» anbot, zischte sie zuerst: «Emir, ich koche am liebsten zu Hause, wenn es mir gerade passt oder ich Lust habe, meinem Schatz etwas Leckeres zuzubereiten.» Dann nahm sie an.

Später, nachdem sie ihre ernüchternden Erfahrungen mit dem Theaterbetrieb in Buenos Aires gemacht hatte, schrieb Storni nur noch Farcen. In einem Einakter mit Epilog machte sie die Köchin Polixena zur Haupt- und ein Stubenmädchen zur Nebenfigur, sehr frei und männerlos nach Euripidesʼ Tragödie. Die «kleine Köchin» inszeniert darin ein Jungfrauenopfer zwischen Bratpfannen, Kohlköpfen und Zwiebeln und macht in Trauer um Achilles auf ihrem Altar viel Geschepper. Das Stubenmädchen fürchtet sich vor dem Tod. Da sagt Polixena: «Zum Tod verurteilt? Wir sind alle zum Tod verurteilt. (…) das einzige, was ich die Menschen lehren würde, ist sterben können. Wer zu sterben versteht, ist gross.» Aber das Stubenmädchen sagt nur: «Ach, Mädchen. Mir ist Marmeladenbrot lieber.»

Im Epilog darf Euripides die im frühen 20. Jahrhundert ganz langsam anfangende Emanzipation kommentieren. Als ihm ein Fisch berichtet, dass eine Frau sein Theaterstück neu zur Aufführung bringe, empört sich der Grieche, dass «Sapphos Schülerinnen nicht aufzuhalten sind», und will sterben. Aber wie, wo er doch schon tot ist? Da erbarmt sich der Fisch und lässt ihn in sein Maul springen.

Alfonsina Storni hat ihr Tessin nicht verklärt, sondern die Armutskultur unter der Knute der Kirche nüchtern beschrieben. Ein Tessiner Traditions­gericht wie Polenta fänden wir ebenso unpassend für Alfonsina wie das argentinische Rindfleisch-Brimborium. Sie mag ihren Zeitgenossinnen wie eine «Malfatta» erschienen sein, für uns aber ist sie eine freie Radikale mit direktem Draht zum Himmel. Im Gedicht «Ultrateléfono» telefoniert sie ins Jenseits: «Du Papa? Ich werde bald zu euch kommen.» Nachdem sie ihr letztes Gedicht, «Voy a dormir» (Ich gehe schlafen), zur Post gebracht hatte, fand Alfonsina Storni 1938 im Meer den Tod.


ALFONSINAS MALFATTI

«Malfatti» sind Ricottaklösschen, die ­weder einförmig noch konform sind und deshalb «missraten» und «misslungen» heissen. Alfonsina Storni pfeift darauf, ihr Herz schlug sowieso für das Individuelle. Malfatti sind wunderbar leicht. ­Wie wir gern sagen: die bekömmlichen Brüder der Gnocchi, deren Genuss das Arbeiten verunmöglicht und den Schlaf schwer macht.

Für 4 Personen / 30 Minuten

Der Festanteil
2 Eier werden kräftig geschlagen und mit 300 g Ricotta vermischt. Dann 80 g Weizenmehl, 100 g geriebenen Käse (wir nehmen halb Parmesan, halb rezenten Greyerzer), Salz und Muskatnuss (oder alternativ: feingeschnittenes…

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