Bild © Aline Meister

Der Spirit von Aarau

Oder: Die Errungenschaft. Refresh Keller #3

(Am Schanzengraben. Sonnenschein. Herbst.)

Ein Fisch mit zinnoberroten Flossen schnappt nach einem winzigen, aufgeweichten Stück Brot, womöglich klebt noch eine Spur Brie daran, der Brie, den hier alle mampfen. Brie, ein Käse wie ein Stück Freiheit, ein Käse wie Wind im Haar.

Jonas bemerkt, dass er Carla schon seit mindestens zehn Sekunden nicht mehr richtig zuhört.

Sie hat ihm etwas aus der Projektgruppe erzählt, wegen der sie kürzlich in Aarau war. Zumindest hat sie damit begonnen, das war, bevor der Fisch kam und in den Brie biss. Genauer gesagt war es auch vor dem bräunlichen Kastanienblatt, das vorbeitrieb, vor der Wespe, die die junge Frau im Blazer auf Jonasʼ anderer Seite aufdringlich umkreiste, bis sie jeden Anschein von Lockerheit verlor, also die Frau, nicht die Wespe, und auch vor dem Aufjaulen des auffrisierten Motors irgendwo da oben.

«Das war noch gut», sagt Carla jetzt, «weil da hat man wirklich das Gefühl gehabt, wir arbeiten alle zusammen und wir wollen alle das Gleiche.»

Gut, das klingt nicht schlecht, denkt sich Jonas, anders als hier, hier mampfen alle denselben Brie und alle sind genervt wegen derselben Wespen, aber trotzdem, nie würde irgendjemand auf die Idee kommen, dass diese vielen Leute hier zusammen am Gleichen arbeiten. Ja, vermutlich würde kaum einer denken, dass sie arbeiten. Aber irgendwie ist das doch Arbeit, denkt sich Jonas, irgendwie hört die Arbeit nicht auf, nur weil man schnell mal runtergeht an den Schanzengraben und einen Brie mampft.

Das wird einem klar, wenn man den Fisch sieht. Der Fisch mit den zinnoberroten Flossen schwimmt jetzt zwischen Unter­wassergrashalmen herum, betreibt einen Slalom der Beiläufigkeit. Wie von selbst. Wie von elegantem Selbst. Oder sind das Algen? Kann man im Schanzengraben schon von Algen sprechen? Nein, denkt sich Jonas.

«Es ist nur ein bisschen blöd», sagt Carla, «dass wir das immer in Aarau machen, weil der Coworking Space in Aarau nicht gleich beim Bahnhof ist. Ich meine, warum macht man einen Coworking Space und dann versteckt man ihn in irgendwelchen Gässchen? Aber sonst ist das glaub schon gut, weil das ist so ein neutraler Ort, fast schon ein Ort ohne Eigenschaften, nicht so wie Zürich, in Zürich hätten viele das Gefühl, ihnen würde etwas übergestülpt, aber in Aarau, da muss man keine Angst haben, das hat so einen eigenen Spirit, also eigentlich hat es eben überhaupt keinen Spirit, das ist ja gerade das Gute.»

Eigentlich idiotisch, denkt Jonas, zu denken, Brie sei ein Käse wie Wind im Haar, dabei meint man die Brise.

«Na ja», sagt Carla, «ich geh mal wieder rauf. Kommst du auch?»

«Was?», sagt Jonas, «ich meine, nein, gleich, also ich bleib noch zehn Minuten oder so. Ich muss noch über den Spirit von Aarau nachdenken.»

Carla lacht und geht. Dabei hat Jonas das ernst gemeint, das ist bei ihm hängengeblieben von Carlas Erzählung, was auch immer das für eine Projektgruppe war, er hat es einmal gewusst, wahrscheinlich hat er es noch vor zehn Minuten gewusst, aber hängengeblieben ist bei ihm der Spirit von Aarau.

Jonas…

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Peter Stamm, Schriftsteller,
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