Bild © Stefan Ganz

Eine Brücke

Refresh Keller #1

Nicht zum ersten Mal hängt Leonie das rechte Pedal ihres Fahrrads in die Lücke einer windrädrigen Figur der Rudolf-Brun-Brücke und hebt den Blick zum stürmischen Himmel, um ihn dann zur gleichartigen Limmat zu senken. Himmel, Limmat und Leonie wirbeln, wie der Sommer es gerne tut, unruhig und bestimmt, als gäbe es keine Alternative, als führe nichts daran vorbei. Fahrradfahrer und Fussgängerinnen gehen weiter, als wäre nichts, als hätte sie nicht den bemühten ahnungslosen Vater um ein Zusammenkommen gebeten.

Sie sucht den Unbekannten eine Reaktion zu entlocken, ohne dass ihre Blicke eine Antwort erhalten, bis ihres auf das Augenpaar des Vaters trifft. Er nähert sich wie auf einer taubesetzten Wiese, die schon eine Weile nicht mehr gemäht wurde, und macht dabei versehentlich den Eindruck, nicht zu wissen, ob er am anderen Ende ankommen wolle. Es wäre harsch, die Begrüssung missglückt zu nennen, aber wenigstens gelingt sie nicht, nicht so jedenfalls, wie es bei Vater und Tochter vorgesehen ist.

Das Pedal an der windrädrigen Figur und das Sommerstürmen von Himmel und Limmat brausen Leonie auf und veranlassen sie zum Berichten. Ein Dinggedicht stand zur Aufgabe, eines, das mit Zürich zu tun habe, das beispielsweise dem bürgerlichen Realismus zugeordnet werde, das vielleicht auf Gottfried Keller weise. Sie erwähnt die Idee, das Geschriebene, das Hiersein, das Ungenügen des Gedichts und sie bemerkt, ob, wenn das Gedicht nicht genüge, ja vielleicht auch sie nicht genüge, dass sie also einer Ordnung nicht genüge, der sie sich im Grunde ja gar nicht zugehörig fühle, und dass sie ihm, dem Vater, der Zürich und sie kenne, deshalb das Gedicht jetzt vorlesen ­werde.

Communikationsbrücke ward sie geheissen
 Mit Brennen und mit Gleissen
   für mehr als Fussgänger weit gemacht
    um achtzehnacht
     plus null an letzter Stelle
      Über die Jahrhundertschwelle
       neu Urania benannt
       gleichwohl später exakt gleich,
       an exakt gleicher Stelle neu gespannt
       Dies alles weisst und verstehst
       du nicht
        weil niemand dich gelehrt
        weil niemand dir erzählt
       der Brücke halbalt Geschicht
       Sie war ein Steg
        aus Holz und Eisen
        und musste schliesslich Asphalt
         weichen
       wie jeder neue Weg
       Einst hiess sie, was sie konnte
        wies später zu den Sternen
        um sich vom Weiten zu entfernen
      weil der Meister es so wollte
      Schritt um Schritt und Stück für Stück
       stehst du drüben
       schaust herüber
      blickst nicht nur örtlich weit zurück
    Mit dem Namen Rudolf Bruns uns nun
    bekannt,
   der aus Leid Profit geschlagen auf
   die Schnelle
  Steht ein Name heut für Geschicht
  oder Macht?
An wem ist’s, ihn schlecht- und gutzuheissen?

Seiner Art entsprechend zeigt sich der Vater bemüht ahnungslos, stellt das Dinggedicht in Frage, gibt die Anspielungen weg vom Ding zu bedenken, das Politische darin, den fehlenden Bezug zu Keller. Der Verweis auf Brun, so Leonie, in Kellers «Züricher Novellen» nur wenige Zeilen lang, hätte diesem doch gefallen, als sinnbildliche Brücke zwischen den Zeiten, als Weiterführung seiner Kritik am ersten Bürgermeister: «Jetzt zeigte er aber wiederholt, dass er, der fremdes Blut zu vergiessen wohl versteht, sein eigenes hinzugeben nie gewillt ist.» Ob Keller sich, könnte er, nicht auch für eine Umbenennung ausspräche?

Vielleicht nicht in diesem Moment, doch über die Ansammlung solcher Momente wird der Vater nicht mehr ganz so bemüht ahnungslos, erkennt, dass Kinder nicht Antworten, sondern Reaktionen suchen, ist der Tochter, auf gelungene Weise, ein sommerstürmisches Gegenüber. Es darf an dieser Stelle weiter erwähnt werden, dass Leonie, Jahrzehnte später beim Durchstöbern ihrer Kindersachen, das Gedicht nicht mehr zuzuordnen weiss, wohl aber, wird sie nach ihren liebsten Erinnerungen befragt, das Zusammenkommen mit ihrem Vater auf der abermals umbenannten Synagogenbrücke erwähnt.

Es bedarf keines bestimmten Ortes, keiner platzgebundenen Magie, um Erinnerung zu schaffen, doch verklärte Vergangenheit weist der Zukunft ihren Weg. So wünscht sich Leonie im Gedanken an eine Brücke, ob umbenannt, neugebaut oder nicht, dass die Pedale ihrer Enkelkinder, wie ihre einst, von windrädrigen Figuren beflügelt werden mögen.

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Peter Stamm, Schriftsteller,
über den «Literarischen Monat»