Kehrichtverwertungsstube

Ein Outro

1. In der Redaktion

Nei, sicher kei Tessiner. «Trash» heisst auf Italienisch «Rifiuti», und das heisst «abgelehnt»! Diese Sprache ist förmlich dazu gebaut, uns aus der Realität hinauszuallegorisieren. Wie soll man so die Reste der Realität, das, was sie zurückgewiesen hat, verhandeln?

– Dann lassen wir die Landschaft sprechen, durch ihre Architektur.

– Bist du ein verkappter Italiener, oder was?

– Da, Maps… das Tessin, in der Mitte der CENERI, gsehsch? Und noch mittiger, im Kern, im córe: der inCENERItore. Die Kehrichtverbrennungsanlage. Als wäre der ganze Berg der Rückstand urzeitlicher Müllverbrennung – so wie Locarno auf dem Abfall gebaut ist, den die Maggia im See deponiert. Jetz los zue, das ist, was wir nicht betrachten. Schau: die Verbrennungsanlage heisst nicht Verbrennungsanlage, sie heisst Termovalorizzatore. Waischwanimain? Denk’ positiv, be happy: wir sorgen für eine schöne Hitze, die uns im Winter warm hält – durch Verbrennung, von irgendetwas. Kehrichtverwertungsstube. Also, wir suchen einen Local, und der führt dann chli aus, warum auch die andere Blickrichtung, der rifiuto del rifiuto, guttut. Aus literarischer Perspektive.

– Auf Englisch.

– Auf Englisch.

2. Betrachtung

Eine Kehrichtverbrennungsanlage ist eine Einrichtung, die Abfälle verbrennt und die dabei entstehende Energie in Strom und Wärme umwandelt. Der Termovalorizzatore von Giubiasco (ICTR) steht zwischen der Kläranlage von Bellinzona (IDA), der Autobahn A2 sowie Landwirtschaftsflächen. Das Gebäude wurde vom Studio Vacchini entworfen. Die Arbeiten begannen am 11. September 2006. Das erste Feuer brannte am 10. August 2009.

Ich bin Vacchini einmal begegnet, am KK(L) Luzern, in der Pause oder nach einem Konzert. Wir stellten fest, dass wir beide aus Locarno waren, und plauderten ein wenig. Er sagte, er sei Fischer. Fischer nach Komplimenten vielleicht. Vor Enthusiasmus fiel ich bei seinem kleinen Test durch. Ich hatte gerade erfahren, dass nur zwei Berufsfischer auf dem Lago Maggiore unterwegs waren, und konnte mein Glück nicht fassen. Ich stellte Fragen über Fragen, die er je länger, je weniger beantwortete. Das muss etwa zehn Jahre her sein. Zumindest Standort, Grösse und der quadratische Grundriss des Termovalorizzatore standen da fest. Was hätte ich gefragt, hätte ich begriffen, wer er war – wären es Fragen gewesen? Vielleicht war er am Ende gar nicht auf Komplimente aus.

Englisch ist synthetischer als Italienisch. Aber ist es das tatsächlich, wenn ein Italienischsprechender auf Englisch schreibt? Dazu kommt, dass hier die Zeichenzahl zählt, und ich nähere mich schon meiner Obergrenze. Ich bin darum geneigt zu denken, dass die Synthesis des Englischen qualitativ, nicht quantitativ ist.

Die Verbrennungsanlage wurde in Giubiasco gebaut, an einem Ort, der so peripher ist – ausserhalb Bellinzonas, Locarnos, des AlpTransit-Ceneri-Tunnels –, dass er zentral wird. Das Zentrum. Das, was man jedes Mal vor sich sehen wird, wenn man ans Tessin denkt. Vacchini entwarf es so, dass es auf der einen Seite mit der Geometrie der Erntefelder (das Quadrat), auf der anderen mit den rauhen, grauen Türmen und Burgen in Dialog tritt – und in Zeichensprache vielleicht auch mit den Lärmschutzwänden der Autobahn. Und genau jetzt habe ich das Zeichenlimit erreicht.

Es ist wie mit unseren Hausabfällen, den Verpackungen. Dieser Text ist am Ende genau das: eine Hülle, in der etwas für Sie, liebe Leser, enthalten sein soll, aber bis Sie sie aufreissen, ist die Schokolade geschmolzen, das Sushi gekocht, der Kopfhörer obsolet. Werfen Sie ihn weg, verbrennen Sie ihn. Was bleibt neben dieser kleinen Hitze, sind die Schadstoffe, die Abgase. Was ich auf Englisch nicht vermitteln und was sie, die Redaktoren, nicht ganz ins Deutsche übersetzen konnten (das vermutlich noch weniger synthetisch als das Italienische ist). Ich habe dafür gesorgt, dass mein Beitrag eine angemessene Menge Schadstoffe enthält. In den Abgasen, die Sie einatmen, luegt der Gehalt des Texts.

3. Rifiuto

Är het gar nüt verstande.

Nüt.

Nüt.  


Vanni Bianconi
ist Übersetzer, Autor sowie künstlerischer Direktor des Literatur- und Übersetzungsfestivals Babel in Bellinzona. Er lebt in London.