Sirenen

Sirenen
Martina Clavadetscher, fotografiert von Ingo Höhn.

Immerhin, wir singen noch, haben zu singen

selbst in düsteren dreckigen Zeiten

in denen einige wieder befehlen

allen Sirenen den Mund verbieten

Wahrheiten verfälschen

sie umdrehen und stapeln

zu einem Thron aus Lügen

 

immerhin, wir klingen noch, haben zu klingen

selbst in düsteren dreckigen Zeiten

in denen einige wieder vergessen

welches Instrument die Lyrik erfand

und wie es seither besingt

was nicht gesagt werden darf

denn die neue Leier ist die alte Leier

 

dagegen wüten Sirenen – auch schreibend

sind weder Fisch noch Frau noch Vogel

entlassen, was hinter Haaren, unter Zungen

zu lange wucherte: 

die neue Gewalt trägt ein Mädchengewand

und ihre Lieder machen den Stoff erträglich

 

immerhin, wir leben noch, haben zu leben

selbst in düsteren dreckigen Zeiten

in denen einige wieder marschieren

zu falschen Liedern, krummen Ideen

Ton und Wort missbrauchen

zu Tonfarben Wortfarben

in hässlichem Braun und Grau

 

dagegen färben Sirenen – auch schreibend

malen zehn Finger zu zahllosen Fäusten

die Klaviatur wagt ihren letzten Kampf

hat zu klingen, wie Leid klingen muss

wenn es sonst nichts mehr darf oder kann

ausser schweigen und sterben am Ende

 

immerhin, wir summen noch, haben zu summen

weil es die Botschaft wortlos mitträgt –

selbst in düstersten dreckigsten Zeiten.