Verlogenes Pack

Trash ist uninteressant. Interessant ist das Gespräch darüber: denn es dreht sich stets um die kulturelle Distinktion zum Höheren über die Kenntnis des Niederen. Aber warum eigentlich? Ein Versuch.

Verlogenes Pack

Die akademische Rede über Trash steht sich dauernd selbst im Weg. Den Gegenstand, mit dem sie es zu tun bekommen will, klassifiziert sie nämlich immer als ein Phänomen, das die ästhetische Ordnung stört, einen Gegenstand, den man aber als kulturtheoretisch sich gebender Verstand nicht einfach quer im Raum stehen lassen kann, sondern ihn sofort wieder reflexiv in selbigen zurückholen muss, obwohl er vermeintlich gar nicht hineingehört. Oder einfacher: Trash ist niemals das gewesen, was draussen – in der Gosse, in den Tonnen, auf den Halden – lagert. Trash war vielmehr immer das, von dem behauptet wurde, dass es unverkennbar zum Schutt der Kultur gehöre, das in Wahrheit aber auf der Schwelle zum Salon, an den Rändern des Feuilletons und – natürlich – in den hippen Bezirken der Kulturwissenschaften sich ablagerte.

Die Unordnung des Diskurses

Man muss also gar nicht erst damit anfangen, zwischen freiwilligem und unfreiwilligem Trash, zwischen Hochkultur und Low Culture zu unterscheiden, um zu verstehen, was mit Trash gemeint ist. Es ist gerade umgekehrt: Trash als Gegenstand der intellektuellen Auseinandersetzung mit Kunst generiert diese Unterscheidung erst einmal. Und das gilt auch für die hier nun folgenden Überlegungen. In einer literarischen Zeitschrift, eingeklemmt zwischen Klossek, Ingold und Kampa, über Fantasy und Fernsehen, Chartmusik und Provinzkrimis zu schreiben, ist ja zunächst auch nicht mehr als eine Geste. Man steht da bei einem gediegenen Apéro, macht eine Flasche Bourdieu auf und dann, wenn die Konversation einschläft, zeigt man auf den Teller mit dem ranzigen Stück Fleisch, das streng riecht, blutet und von allen gemieden wird. Und dann redet man darüber, warum das so gar nicht ins Menü passt und dass es natürlich gerade deswegen doch passt. Den Metzger von der Diskurstheke kenne man noch von früher, das sei mal noch so recht einer ohne Verstand, mit Herz und Seele, Bolzenschussgerät. Klar, wir alle kennen ihn und wollen ihn gekannt haben, aber zur Tür rein kommt er uns bitte nicht, Catering: nein, danke. Lieferservice langt.

Das Zeug selbst ist folglich uninteressant, es geht um das Gespräch darüber, um die kulturelle Distinktion zum Höheren über die Kenntnis des Niederen. Mit anderen Worten: verlogene Sache. Andererseits ist man auch nicht der erste, der auf den Umstand hinweist, dass «Trash» eigentlich immer das Reden über Trash meint und das Reden über Trash wiederum seinen Reiz aus der Suggestion zieht, die eigene primitive Seite zumindest so gut zu kennen, dass man sie hinter sich lassen darf. Schon Dietmar Daths nahezu alle germanistischen Trashreflexionen durchspukender Briefroman «Die salzweissen Augen» (2005) hat ein Auge für die Heuchelei dieses Diskurses und seiner Teilnehmer gehabt: Die Connaisseurs des schlechten Geschmacks sind nicht selten auch diejenigen, die jene, die den schlechten Geschmack verkörpern, verachten und dem Klassizismus der «Bildung» aussetzen.

Definitionsschwierigkeiten

Allen umherschwirrenden Definitionen zum Trotz – und vorerst auch in völliger Ignoranz der feinen Unterschiede zwischen Trash, Kitsch, Camp etc. – empfiehlt es sich fürs erste, eng am Wortsinn zu bleiben. Wer Kultur als Trash bezeichnet, der hat damit vorrangig eines im Sinn: nämlich den ideellen Anspruch des jeweiligen…

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Peter Stamm, Schriftsteller,
über den «Literarischen Monat»