Gianni Kuhn: «Wege, Spuren, Licht»

Gianni Kuhn:
«Wege, Spuren, Licht»

 

Das allein schon durch sein Coverfoto für sich einnehmende neue Buch des mit Gedichten, Kurzprosa und Erzählungen bekannt gewordenen Frauenfelder Wortkünstlers Gianni Kuhn schliesst an seinen ersten Roman «Der Falschspieler» (Edition Isele, 2004) an: wiederum existenzialistisch angehauchte, äusserst feinfühlige und oft an sich zweifelnde Figuren, häufig wechselnde Schauplätze – Paris, Schottland, die Inneren Hebriden –, der hohe Stellenwert von Malerei, Literatur und Rockmusik, die ungeheure Bedeutung von Erinnerungen und Träumen, die Metapher vom menschlichen Leben als unsichere Reise… Doch der Autor ist nicht nur älter geworden, sondern auch freier. Das ist gut so – und hat dazu geführt, dass er nicht nur den Roman «Wege, Spuren, Licht» vorlegt, sondern dazu auch gleich noch eine Geschichtensammlung, ein Fotobuch und eine Musik-CD.

Die Hauptfiguren des Romans fühlen sich immer wieder, als gingen sie auf einem hohen Seil durch ihr jederzeit absturzgefährdetes Leben. Die 25-jährige Lucia, Volontärin im Kunstmuseum Bern, die bald an eine Zürcher Galerie wechseln und mit der Diagnose multiple Sklerose konfrontiert werden wird, wohnt in der Wohnung ihrer Schwester Anna. «Doch Anna war schon seit bald zwei Jahren verschwunden.» Ihr Bruder Lukas war als Kind gestorben – eine «schmerzende Narbe» bleibt. Kaum ist Anna wieder aufgetaucht, verabschiedet sie sich in Richtung Graubünden – auf der Alp will sie Abstand gewinnen, denn ihre Beziehung zu Michael, dem Autor von Büchern wie «Ganz alltäglicher Wahnsinn», ist eine höchst fragile. Was ist das für eine Auszeit, die Anna sich nimmt – flieht sie einfach zurück in die Kindheit, wie Lucia skeptisch fragt? Damals war auch die verwunschene Kartause Ittingen, wo ihr Onkel Robert als Gärtner arbeitet, ein wichtiger Ort. Flieht auch Lucia aus der Zeit, wenn sie den alt gewordenen Onkel besucht? Was ist überhaupt Zeit? «War es im Leben nicht bei vielen Dingen so, dass man sie erst erkennt, wenn man etwas länger verweilt, innehält, die Dinge auf sich wirken lässt?», überlegt Gregor, ein kauziger Künstler, der Spuren abgestellter Kaffeetassen zu Kunstwerken zusammenstellt. Das mag skurril wirken, wie manches andere Detail.

Doch Kuhns Figuren sind keine versponnenen Aussenseiter, sondern heutige Menschen, mitten im Leben stehend und global vernetzt. Aber sie stellen sich auch bohrende Fragen: Was ist wirklich? Wie viele Wirklichkeiten gibt es? Wo sind Muster, wo Strukturen? Welche davon sind für mich von Belang? Und wohin geht die Lebensreise? Wohin verschwinden Menschen und Dinge? Wer solche Fragen kennt, wird «Wege, Spuren, Licht» gerne lesen. Denn dieser Roman öffnet nicht nur Sprach-, sondern auch Denkräume.

Gianni Kuhn: Wege, Spuren, Licht. Roman mit CD. Eggingen: Edition Isele, 2016.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»