Zurück in die eigene Nacht

Melitta Breznik: Der Sommer hat lange auf sich warten lassen. München: Luchterhand, 2013.

Zurück in die eigene Nacht

«Der Sommer hat lange auf sich warten lassen» ist – anders, als der Titel suggerieren mag – ein Roman über den Herbst. Genauer: den Herbst des Lebens. Die 91jährige Margarethe tritt darin die Flucht an aus einem Basler Altersheim, zurück an ihren Geburtsort Bergen-Enkheim. Diese Flucht bildet den Rahmen für eine erzählerische Reise durch Margarethes bewegtes Leben, ist also auch eine Retrospektive des letzten Jahrhunderts: wir begleiten abwechselnd Margarethe, ihren ersten Mann Max und die gemeinsame Tochter Lena zu Schauplätzen des österreichischen Bürgerkriegs, in die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs, erstarren angesichts traumatisierender Vergewaltigungen durch russische Soldaten, sehen die in der kleinen Familie keineswegs nur hoffnungsvolle Nachkriegszeit und schliesslich gar die Anschläge vom 11. September. Vor allem die literarisierte Darstellung der österreichischen Aufstände im Februar 1934 – ein im öffentlichen Bewusstsein zur Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs wenig präsentes Ereignis – ist im bunten Reigen literarisierter Jahrhundertchroniken, wie sie in den letzten Jahren zuhauf publiziert wurden, ein bereicherndes Novum. Ungewöhnlicher und besser aber wird der neue Roman der Psychiaterin Melitta Breznik noch, wenn er sich nicht den historischen Gegebenheiten, sondern den Altersängsten seiner Protagonistin annimmt: Die Schilderung des Alterns mit allen Konsequenzen auf Psyche und Persönlichkeit, hier die aus Margarethes Sicht verfassten Kapitel, gibt der wachsenden Angst vor Abhängigkeiten eine eindrückliche Stimme. Langsam, aber sicher schleicht sich eine plötzliche Rückwärtsgerichtetheit in ihrem Denken ein, zermürben sie die langen Zeiten der Einsamkeit im Altersheim und lassen die Momente des Glücks immer seltener werden. Breznik gelingt es – wohl nicht zuletzt dank ihres professionellen Hintergrundes –, die Gedanken der alternden Dame überzeugend realistisch nachzuzeichnen.

Zur Überzeugungskraft trägt auch die wiederkehrende Präsenz des vermeintlich Vergessenen bei. Der kapitelweise Wechsel der Erzählperspektive lässt die Figur der Margarethe zunehmend komplexer werden. Wir erfahren so, wer und was sie auf ihrer Lebensreise geprägt hat, aber auch, wie aus einer jungen, fortschrittlichen, von ihrer Zeit geprägten Frau eine auf den Rollstuhl angewiesene Seniorin wurde, die je nach Tagesform schwankt zwischen düsterem Pessimismus einerseits – Margarethe spricht vom «Zurückgeworfenwerden in die eigene Nacht» –  und einer leichten Lebensfreude andererseits.

Melitta Breznik leistet mit ihrem Text einen Beitrag zu einem Genre, dem wir in Zukunft wohl noch öfter begegnen werden: Literatur, die sich mit dem Altern beschäftigt, in diesem Fall dem Altern einer durch Kriegsereignisse geprägten Generation, die – das zeigt der Roman – ihre Traumata nicht selten auch an die nächste Generation weitergegeben hat. Ihr Roman trägt aber vor allem dazu bei, dass die Herausforderung des Alterns zunehmend erkannt und angenommen wird: Wenn Kenntnisnahme demographischer Hiobsbotschaften heute schon zum Alltag gehört, so ist derartig literarische Aufklärung nicht erst morgen Pflichtlektüre.