Literarisches Ferngespräch

Pic & Dante Andrea Franzetti: Das Bein ohne Mann. Zürich: Lenos, 2011.

Ein merkwürdiges, sehr sympathisches Buch, diese Dokumentation einer «Erzählfreundschaft» zwischen dem in
St. Gallen heimischen Clown, Pantomimen, Maler und Zeichner Pic, der mit seinen Programmen die halbe Welt bereist hat, und dem in Zürich und Rom lebenden, zehn Jahre jüngeren Poeten und Journalisten Dante Andrea Franzetti! «Franz Hohler und Jürg Schubiger hatten ‹Hin- und Hergeschichten› geschrieben, doch Pic und mir schwebte etwas anderes vor», schreibt Franzetti gleich auf der ersten Seite. Es ist auch etwas anderes geworden: ein erfahrungsgesättigtes, tief- und manchmal auch abgründiges Miteinander. Beide sind Künstler, wenn auch ganz unterschiedliche, sie sind verantwortungsbewusste Väter, und sie sind Fussballfans, allerdings solche der besonderen Art.
Da gibt ein Wort das andere. Diesem Ferngespräch zu folgen macht Freude – gerade weil es kein Plaudern ist.

Noch nie hat Franzetti, dieser grandiose, so viel Persönliches von sich preisgegeben. Er flunkert sich eine bis ins 12. Jahrhundert zurückreichende Familiengeschichte zusammen, erzählt von seiner Jugend als «Italienerli» in Kloten und den ersten Erfolgen als Schriftsteller, verfasst kleine, fast zärtliche Liebeserklärungen an seine Lieblingsstädte und versucht seiner Hassliebe zu Rom näherzukommen. Franzetti schreibt über literarische Favoriten wie Günter Eich und Max Frisch, oder er erzählt von einer Lesung aus seinem Roman «Die Versammlung der Engel im Hotel Excelsior» im Palace Hotel von St. Moritz, wo sein Vater ein halbes Jahrhundert lang im Smoking bedient haben soll: «Stabsübergabe – kennst du das?» Er schildert seinen 50. Geburtstag und sein Unbehagen am Heute: «Ich werde alt, und wie alle Alten halte ich die Jugend für besonders blöde.» Und immer wieder werden aus Pics Anregungen veritable Kurzgeschichten, wie die vom «Bein ohne Mann», oder es entsteht ein bitterböses «Märchen von den drei Königen». Dass Pic bei alledem weit mehr ist als ein Stichwortgeber und Frager, darf nicht unter den Tisch fallen. Wenn er über seine Zeit bei den Junioren des FC St. Gallen in den sechziger Jahren berichtet, von der Freude an seiner Tochter, vom Tod der Mutter und seiner Hoffnung, nicht gerade vor einer Fussballweltmeisterschaft sterben zu müssen, dann ist das nicht nur ergreifend, sondern es ist immer auch gekonnt erzählt. Ein Nebenwerk zweier grosser Künstler? Mag sein. Wichtiger aber: ein bei aller Melancholie sehr witziges, menschenfreundliches Buch voller Überraschungen.