Mit Akzent und Schweizer Pass

Jean-Luc Benoziglio: Das Losungswort. Biel: Verlag die Brotsuppe, 2011.

«Le feu au lac» heisst Jean-Luc Benoziglios jüngst ins Deutsche übersetzter Roman, für den er 1998 den Prix littéraire LIPP erhielt. «Das Losungswort», so der deutsche Titel, konfrontiert mit Versatzstücken aus Benoziglios eigener kultureller Mehrstimmigkeit. Sie dient als Folie für das Erzählen der Biographie eines äusserst unbequemen «Typen»: Getaufter Christ mit jüdischen Wurzeln, geboren in der welschen Schweiz, ein halber Franzose mit türkischem Einschlag, zieht er, B., in jungen Jahren zu seinen jüdischen Verwandten nach Paris, um am Konservatorium Unterricht zu nehmen. Es ist das Jahr 1939. Die Mobilmachung hat gerade erst begonnen, da will auch schon ein französischer «Judenfänger» zwecks Deportation wissen, ob er Jude sei. «Was würde ich antworten, während einmal, zweimal, dreimal der Hahn krähen würde?» Noch bevor er antworten kann, rettet ihn sein Schweizer Pass. Hingegen verraten ihn sein Akzent und seine Spracheigenheiten lebenslänglich, bieten sie doch eine willkommene Angriffsfläche, um sich über diesen Gelegenheitsflötisten und seine griesgrämig helvetische Art zu mokieren.

B. wird zum Aussenseiter, zieht sich auf eine Insel zurück, ertränkt seine Schuldgefühle gegenüber seiner Familie, die er nicht retten konnte, im Pastis und muss letzten Endes doch an seinen Mitmenschen und seinem eigenen labilen Charakter scheitern – oder scheitern die Betroffenen an ihm?

Bewusst hält uns der Erzähler in einem Schwebezustand. Auf der Suche nach der Biographie eines Antihelden berichten nicht weniger als 14 Figuren inklusive Erzähler über ihre durchwegs skurrilen Begegnungen mit dem «komischen Typen». In Tat und Wahrheit enthüllen die Befragten aber viel mehr ihre Verdrängungstaktik: mit abschweifendem Erzählstil winden sie sich um Tabuthemen. Allein schon des Herrn B. komisch klingenden Namen auszusprechen, will ihnen partout nicht gelingen. Die Sprache der verschiedenen Protagonisten bleibt dabei stets dieselbe und der Leser fragt sich allenthalben, wer denn nun tatsächlich «sagen würde», wer B. ist. Am Ende sieht er sich mit der tristen, vom Holocaust geprägten Collage eines unbequemen Zeitgenossen konfrontiert, die zu entschlüsseln ihm nicht gänzlich gelingen kann. Benoziglio beschert uns sperrige Lektüre, deren Brüche er mit trockenem Sarkasmus und persiflierenden Wortspielereien überbrückt. Wer dem Sprachvirtuosen aufmerksam folgt, wird einer changierenden Biographie begegnen und sich dabei selber als ihr Konstrukteur entlarven.