Adam Schwarz: «Das Fleisch der Welt»

Adam Schwarz:
«Das Fleisch der Welt»

 

Man sollte seine Reisen nie von Mystikern organisieren lassen – sei es heute oder im 15. Jahrhundert: mag der Reisegrund Erholung oder, wie hier, Gottessuche sein. Zum Glück hat sich Adam Schwarz bei seinem Erstlingsroman «Das Fleisch der Welt» von dieser Warnung nicht beeindrucken lassen. Sein Held ist Niklaus von Flüe, jener Bruder Klaus, der vor 600 Jahren in Unterwalden auf die Welt kam. Zum runden Geburtstag schickt Schwarz den Einsiedler auf eine Abenteuerreise. Begleitet wird er von seinem Sohn Hans, dem Erzähler der Geschichte, sowie einer schwunglosen Entourage, bestehend aus einem fetten Henker und einem schmierigen Geistlichen – die übliche Reisebegleitung jener Tage. Auf ihrer alles andere als durchorganisierten Reise gelangen sie zu Fuss nach Basel, dann ins Elsass und schliesslich auf einem selbstgebauten Floss auf den Ozean, wo sie Gott zwar auch nicht finden, dafür aber Amerika entdecken. Vom ersten Schritt an plagt sie Hunger; zu schweigen von eiskalten Nächten und Seuchen, die sich ihrer bemächtigen.

Die Selbstkasteiung der Reisegruppe mag spirituell motiviert sein, hat aber auch einen ästhetischen Grund. Sie macht es Adam Schwarz möglich, eine Bandbreite herrlich surrealer Leidensmetaphorik auszuspielen: Sei es das Münster, das aus der Ferne aussieht «wie Wundschorf», die Stirn einer todkranken Frau, von der gesagt wird, sie sei so heiss, «als kochte eine Suppe in ihrem Schädel», oder der von Pusteln übersäte Körper eines Henkers, der «klebt auf dem Boden wie Moos auf einem Stein». Trotzdem ist «Das Fleisch der Welt», wie es sich für einen Abenteuerroman gehört, ökonomisch erzählt. Am besten ist der Text, wenn er, wie Rabelais, Chaucer oder Heinrich von Wittenwiler, den Tod mit am Tisch sitzen lässt. Besonders eindrücklich geschieht dies in einer Szene, da Bruder Klaus einer Pestkranken die Beulen vom Körper schabt, um sie sich wie Hostien auf der Zunge schmelzen zu lassen. Hier finden Ekel und Mystik auf berückende Weise zusammen. An anderen Stellen lässt der Text tragische Tiefe vermissen. Es fehlt eine zweite Ebene, wo vielleicht nicht gerade Gott hockt, dafür aber eine ganz diesseitige Bitterkeit. Vielleicht ist dieser Einwand aber ähnlich ungerecht, wie wenn man eine Reise an den Amazonas bucht und sich dann ärgert, dass es dort so wenig Eisbären hat. Schliesslich ist «Das Fleisch der Welt» eine Abenteuergeschichte und keine sentimentale Reise. Hans von Flüe erzählt sie uns mit einer pausbäckigen Unverwüstlichkeit, der auch das grösste Unglück nichts anzuhaben vermag. Er verbittert nicht einmal dann, als er nach zweijähriger Abwesenheit seine Frau wieder sieht. Das dürfte der Preis sein, wenn man sich auf Pauschalreisen mit Mystikern einlässt.

Adam Schwarz: Das Fleisch der Welt. Basel: Zytglogge, 2017.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
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Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»