Nächtliche Notizen

Iris Gerber: Nachtwerk. Hommage an eine Komponistin. Oberhofen: Zytglogge, 2011.

Margrit Zimmermann, die Berner Komponistin. Eine der wenigen Dirigentinnen, eine bürgerliche Nonkonformistin, geboren 1927. Ihre Geschichte, erzählt aus der Perspektive einer früheren Schülerin, musikalisch-literarisch. Ein Leben wie ein Roman, dramatisch, fliessend und doch voller Spannungen und Brüche, zwischen Leidenschaft, Ästhetik und Schmerz, zwischen kreativer Einsamkeit und distanzierter Weltnähe. Eine Liebeserklärung an die Musik – und dann auch noch an verschiedene Männer! Eine Entwicklungsgeschichte, die in Demenz mündet, aber dank einiger Kompositionen der Protagonistin und der sehr persönlichen, literarischen An­näherung Iris Gerbers doch nicht im Nichts endet. Ein Leben, als wäre es selbst ein Kunstwerk, und dann durch die gedankliche Interpretation zu einer literarischen Sonate verdichtet. Eine Sonate, «ein Stück mit mehreren Sätzen […] Innerhalb der Sätze springen die Stücke zwischen Dur und Moll, zwischen verschiedenen Haupttonarten», google ich. Also: ein literarisches Instrumentalstück in kleiner, beinahe solistischer Besetzung.  

«Kunst kommt vom Müssen; das Können ist Bedingung, diesem Müssen gerecht zu werden. Ein Trieb, das eigene Werk vorwärtszubringen, ein Druck, ein Motor in sich, eine Rastlosigkeit» – so umschrieb die Komponistin selbst in einer ihrer theoretischen Schriften, die anregend in den biographischen Roman eingearbeitet wurden, das Kunstschaffen. Komponieren als Handwerk, genau wie das Möbelmachen des Vaters.

Ein Buch über Kunst, über familiäre Verhängnisse, Fesseln und Stützen, über ein Künstlerinnenleben, über das Altern, das Alter und die Generationenfrage, über eine starke, schwierige Schwestern- und Mutterbeziehung. Über Liebschaften, die niemals voyeuristisch und doch auch erotisch anziehend durch einen poetischen Zugang und durch eine phrasierte Komposi­tion verwoben werden – um als klassisches Geliebtenschicksal sich schliesslich zu entlarven.

Habe viel über Musik erfahren, übers Komponieren, Dirigieren, habe mich unterhalten, hineingefühlt, solidarisiert, abgewandt, sogar im Umgang mit dementen Angehörigen wiedererkannt. Das «Nachtwerk» und über das Nachtwerk der Komponistin gerne in der Nacht gelesen.