Zsuzsanna Gahse im Portrait

Zsuzsanna Gahse erhält den Schweizer Grand Prix Literatur 2019. Ein Blick auf Werk und Werdegang der in Ungarn geborenen Auorin.

Zsuzsanna Gahse im Portrait
Zsuzsanna Gahse, fotografiert von Maurice Haas.

Wahrscheinlich hat jeder eine etwas andere Vorstellung davon, was eine Dame ist. Dass Zsuzsanna Gahse eine ist, dürfte dennoch niemand bestreiten. Eine stets die Contenance bewahrende, eine charmante, elegante und witzige, eine aussergewöhnlich kluge und belesene Frau, die nicht in irgendeinem Elfenbeinturm wohnt, sondern in Müllheim im Thurgau. Und im Hier und Jetzt. Eine Künstlerin, die seit fast schon 50 Jahren ungeheuer produktiv ist und ein nur noch für Experten einigermassen überschaubares Werk geschaffen hat. Eine moderne, die herkömmlichen Grenzen der Gattungen souverän ignorierende Schriftstellerin, und eine brillante Übersetzerin aus dem Ungarischen noch dazu. Als sie 2006 den Adelbert-von-Chamisso-Preis bekam, hat Péter Esterházy, von dem sie wichtige Texte übersetzt hatte, eine vielbeachtete Laudatio gehalten. Und man hat sie ausdrücklich für eines ihrer besten Prosawerke ausgezeichnet: «durch und durch. Müllheim / Thur in drei Kapiteln» (Edition Korrespondenzen, 2004). Ein luftiger Durchgangsort ist ihr in hochreflektierten Sprachmäandern und Prosagirlanden geschildertes Müllheim, ein Ort, in dem sich Alltag und Literatur gegenseitig spiegeln und Lokales plötzlich zu Globalem wird.

«Eine stets die Contenance bewahrende, eine charmante, elegante und witzige, eine aussergewöhnlich kluge und belesene Frau, die nicht

in irgendeinem Elfenbeinturm wohnt, sondern in Müllheim im Thurgau.»

Geboren wurde Zsuzsanna Gahse mitten in Budapest. Nach den Ereignissen von 1956 emigrierte ihre Familie nach Wien. Fortan bewegte sich Zsuzsanna Gahse in einer deutschsprachigen Welt, zu der man ja bekanntlich sogar das Wienerische rechnet. In einem Interview hat sie das so beschrieben: «Ein unvergessliches Erlebnis war es, ins Deutsche vorzupreschen. Wie in eine Wolke ging ich in die Sprache hinein, und diese Wolke riss immer mehr auf, und dann konnte ich in der neuen Sprache frei herumspazieren. Unvergesslich ist das Gefühl dieser Unabhängigkeit, nach etwa einem halben Jahr. Aber das Aufreissen der Wolken hört nie auf. Ganz gleich, wie gut man eine Sprache kennt. Auch über meine zehn chinesischen und die fünfzig russischen Wörter bin ich glücklich. Sprachen sind Ausdrucksmöglichkeiten. Jede einzelne Sprache ist eine Möglichkeit.»

Bald nach der Gymnasialzeit, in der sie ein Deutschlehrer zum Schreiben ihres ersten und einzigen Romans ermuntert hatte, ging Zsuzsanna Gahse nach Deutschland. Das Feuilleton der «Stuttgarter Zeitung» bot ihrem Schreiben ein Forum, Hannelore und Heinz Schlaffer machten ihr Mut. 1983 erschien das Prosabuch «Zero», vom kongenialen Lektor Hansjörg Graf im damals noch existierenden List-Verlag durchgesetzt und von bekannten Kritikern hochgelobt. Zsuzsanna Gahse bekam den «Aspekte»-Literaturpreis des ZDF und war plötzlich eine bewunderte und begehrte Schriftstellerin. Ihre Prosatexte, die von Liebe und Einsamkeit, von Leichtigkeit und Melancholie, oft auch von Heimatlosigkeit und Heimatsuche handeln und auf ganz ungewöhnliche Art und Weise Szenen des Alltags schildern, sind keine im Sinne des 19. Jahrhunderts runden, abgeschlossenen Geschichten. Eher Entwürfe. Die Autorin hatte die Literatur der Moderne des frühen 20. Jahrhunderts studiert und dabei peu à peu ihren ganz eigenen Schreibstil ausgebildet – einfache Handlungen, einfache Syntax und meist auch einfaches Vokabular, fragmentarische, mehrfach gebrochene, mehrdimensional strukturierte Prosagebilde.

Immer wieder, wenn sie nach ihren Vorbildern befragt wird und in ihren Antworten Boccaccio oder Cervantes, E.T.A. Hoffmann, Hugo von Hofmannsthal oder Federico García Lorca herausstellt, wird sie einen Namen nicht vergessen: Gertrude Stein, die «Mutter der Moderne». Hinter deren Schreibstil kann man, da ist Zsuzsanna Gahse ganz sicher, nicht mehr zurück. Auch wenn viele Leserinnen und Leser das gerne hätten. Mit diesem künstlerischen Selbstverständnis schreibt man keine Bestseller. Doch genau dadurch entstehen Prosatexte höchster Qualität, die ästhetisch auf der Höhe der Zeit sind. Die Erzählung «Berganza» zum Beispiel (1984) oder die im wunderschönen Band «Stadt, Land, Fluss» versammelten Geschichten (1988), die «Passepartout»-Prosa (1994) oder der «Kellnerroman» (1996), der ebenso wenig ein umfangreicher Roman ist wie ihr viel späteres Werk «Oh, Roman» (2007). Oder ihr jüngstes Opus «Siebenundsiebzig Geschwister» (2017), ein bunter Teppich voller Vielfalt, Spiel und Sprachlust: «Es geht auch anders, / aber so geht es auch.» Nein, so richtig dicke Bücher gibt es von Zsuzsanna Gahse nicht. Nur gute.

Zum Beispiel «Instabile Texte, zu zweit» (2005), wo sich wiederum eher Spuren von Geschichten finden als definitiv Fertiges. Und wo sehr deutlich wird, dass Alltagsereignisse für Zsuzsanna Gahse immer auch, und vielleicht sogar grundsätzlich, Sprachereignisse sind. Ganz offenkundig wird das in einem weiteren herausragenden Werk: «Donauwürfel» (2010). Donau plus Würfel, eine zuvor noch nie gehörte Kombination – und doch ist die Sache ganz einfach: Zehn Silben mal zehn Zeilen bilden ein Quadrat, zehn Quadrate einen Würfel, und aus 27 solchen Sprachwürfeln besteht diese Hommage an den mächtigen Strom, der den Schwarzwald mit Budapest und letztlich mit dem Meer verbindet. Gerade wegen dieser strengen Vers- und Sprachform, in die man sich übrigens ohne Mühe einliest, fliesst und mäandert die aus Wörtern und Sätzen geschaffene Donau, nimmt andere Flüsse in sich auf, beherbergt rätselhafte Tiere wie die Huchen, lässt Menschenschicksale, Brücken, Inseln, Fähren, Städte, Dörfer, Sprachen und Kulturen, ja ganze Vergangenheiten vorüberziehen. Vor allem aber lässt sie tausend Assoziationen zu – allein die Namen: «Neben der Donau gibt es andernorts / die Duena, die Dwina, den Dnepr, / den Don. Merkwürdig, wie sich die Namen / ähneln, und am Ende heissen alle / Flüsse gleich, ursprünglich einfach nur Fluss.» Leuchtende Erinnerungssplitter tauchen auf und wieder unter, Erzählinseln bilden sich und werden wieder überflutet. Die Würfel geben dem Fliessenden, Zufälligen, Sichverändernden Form und Halt – und bleiben gleichzeitig so beweglich wie das Wasser selbst.

Idyllen schreibt Zsuzsanna Gahse nicht; im sechsundzwanzigsten Würfel ist sogar die Apokalypse nicht fern. Ein Sprachfeuerwerk. Wie auch das «Südsudelbuch» (2012), ein «Sudelbuch» im Sinne Lichtenbergs – aber nicht nur: Notizen und Notate dominieren zwar, aber es gibt auch eine lose zusammenhängende Geschichte. Man erfährt von meist in den Süden Europas führenden Streifzügen einer namenlosen Ich-Erzählerin mit offenbar ungarischem Hintergrund, die allerdings «alles andere als eine Ausländerin» ist, «da man mir erst sagen müsste, wo mein Ausland und wo mein Inland liegen». Die in ihren Dresdner Vorlesungen skizzierten poetologischen Überlegungen – nachzulesen im aufschlussreichen Band «Erzählinseln» (2009) – werden in wortverliebter, federleichter und wunderbar poetischer Prosa zum literarischen Glänzen gebracht. Die spanische Sprache, die «gut in einen ungarischen Mund» passt, spielt eine wichtige Rolle. Hymnen auf die Mehrsprachigkeit tauchen öfter auf, manchmal auch Sprachphilosophisches und kein Wunder bei dieser Literatin: Bücher. Zuallererst der Don Quijote. Viel zu früh ist das «Südsudelbuch» zu Ende: «Nie werde ich tausend Seiten schreiben, um etwas zu begründen. Über nichts möchte ich tausend Seiten schreiben.» Mindestens eine Passage aus diesem Buch betrifft auch «Die Erbschaft» (2013) sowie das vertrackte, schöne Werk «Jan, Janka, Sara und ich» (2015): «Was ich damit sagen will? Damit? Ich will nur sagen, was ich sage, man braucht das nicht zu deuten.» Aber einen Wunsch äussern, das darf man denn doch: dass nämlich diese Budapester Dame aus dem Thurgau noch viele aufregende Texte schreiben möge.

Fotos: Maurice Haas.