«Beschissen»

Alexandre Hmine erhielt für seinen Roman «La chiave nel latte» einen der Schweizer Literaturpreise 2019. Hier lesen Sie – exklusiv – eine Kurzgeschichte des im Tessin lebenden Schriftstellers und Lehrers.

«Beschissen»
Alexandre Hmine, fotografiert von Maurice Haas.

«Verzeihung», fällt mir Angelica ins Wort. «Sprechen Sie eigentlich Arabisch?»

Ich bin gerade dabei, auf der Wandkarte zu zeigen, wohin der tolle Flug von Dantes Odysseus führt.

«Bitte», antworte ich, meinen Ärger unterdrückend, «möchtest du etwas sagen?»

Ich mache ein paar Schritte in Richtung Zimmermitte, lege die aufgeschlagene Komödie auf das Lehrerpult und sehe sie an.

«Sprechen Sie Arabisch?» Sie nimmt einen roten Filzstift aus dem Etui und macht sich daran, ein noch unbeschriebenes Blatt zu verzieren.

Ich möchte antworten, der Moment sei unpassend, sie dürfe nicht aus rein persönlicher Neugier den Unterricht unterbrechen, es gehe sie auch gar nichts an, besser wäre es, sie würde sich Notizen machen. Stattdessen erkundige ich mich nachsichtig und in eher überraschtem als verärgertem Ton, warum sie mich das ausgerechnet jetzt frage.

«Wann sollte ich Sie sonst fragen?» Sie blickt nicht auf, streicht sich das Haar hinter die Ohren.

Sie zeichnet gerade die Doppelflamme. Ich schaffe es, den Tonfall zu ändern, meine Stimme verdunkelt sich, ich sehe sie streng an: «Ich war voll konzentriert, jetzt habe ich wegen dir den Faden verloren.»

«Sie haben gesagt, dass Odysseus das Mittelmeer durchquert hat», Tonfall supergelangweilt, «und nach den Balearen war er dann nördlich von Marokko.»

«Nun ja …», mir war bewusst, dass es etwas gewagt war, «wenn du es unbedingt wissen willst, ja, ich kann mich einigermassen durchschlagen.»

Ein grosses Durcheinander bricht aus:

«Wow, und können Sie auch schreiben? … Bringen Sie uns etwas bei? … Wie sagt man ‹Esel›?»

Eines der dreissig Wörter, die ich gelernt habe.

«Hmmar, aber jetzt machen wir mit dem Sechsundzwanzigsten Gesang weiter.»

«Chmar?», fragt Camillo, streckt die Hand auf und lässt sie sofort wieder sinken.

«Nein, am Wortanfang musst du eine Art Hauch ausstossen», sage ich fachmännisch, «einen Laut, den es hier nicht gibt.»

Er versucht es noch einmal.

«Nein, du sagst ein ‹ch› wie in ‹Achtung›.»

«Chmar?»

Ich sage «gut», damit er es nicht noch einmal versucht. Er jubelt und klatscht, blickt sich in Erwartung von Komplimenten um. Sofia flüstert das Wort nach. Angelica löst den Blick von ihrem Blatt, sieht mir in die Augen und sagt: «Dann könnten Sie nächstes Jahr mit uns nach Marrakesch fahren.»

Vor zwei Monaten habe ich zugesagt, die Klasse nicht nur auf ihre Maturareise zu begleiten, sondern diese sogar zu organisieren («Wenn ihr euch für ein kulturell interessantes, auch etwas originelles Reiseziel entscheidet, begleite ich euch gern»), und eine Woche später kamen sie mit Prag und Amsterdam, billigem Bier und Nutten. «Ich muss mich informieren … ich kenne die beiden Städte nicht gut genug.» Zeit gewinnen, obwohl ich schon wusste, dass ich nicht darauf eingehen würde.

«Ja!», jauchzen sie jetzt im Chor. «Bitte, nach Marrakesch!»

«Geil!», sagt Camillo. «Sie kommen doch von dort?»

Ich antworte, dass ich ursprünglich aus Casablanca stamme. Da das Schwatzen nicht aufhört und sie allem Anschein nach überzeugt sind, dass ich auf ihren Vorschlag eingehen werde, möchte ich eingreifen und die allgemeine Euphorie etwas bremsen, nur fühle ich mich selbst übermütig. Ava fleht mich mit gefalteten Händen an: «Bitte, bitte!»

Ich weiss, dass ich den Wunsch verspüren möchte, den Unterricht fortzusetzen, stattdessen hoffe ich auf Fragen zu Marrakesch, idealerweise solche, die ich auch beantworten kann.

«Jetzt ist nicht der passende Moment, darüber zu reden», stammle ich, setze meine Erzählung über Odysseus’ Reise allerdings nicht fort, sondern senke den Kopf, um ungesehen lächeln zu können.

Dann setze ich mich ans Lehrerpult und frage, was sie an diesem ungewöhnlichen Reiseziel reize.

Angelica: «Wir streben nach Tugend und nach Wissen

Camillo erklärt, Afrika sei der einzige Kontinent, den er noch nicht bereist habe, Barbara fügt hinzu, sie habe im Internet spektakuläre Fotos gesehen, Valentina träumt von Marokko, seit sie im Fernsehen einen Dokumentarfilm darüber gesehen hat, Branko hingegen will wissen, ob sie auf einem Kamel reiten dürften. Die Klasse bricht in Gelächter aus.

«Beruhigt euch, ich habe noch nicht ja gesagt.» Dabei bin ich inzwischen überzeugt, dass ich da hinwill. «Wir müssen sicher sein, dass das vorgegebene Budget nicht überschritten wird. Der Flug ist nicht günstig.»

Angelica: «Mit easyJet kostet er fast nichts, wir müssen einfach sofort buchen. Wenn wir in einem billigen Riad unterkommen, bleibt auch Geld für den Bus und die Museen.»

Ein Riad? Und das wäre? Die Jugendlichen tuscheln untereinander, auch sie rätseln, was ein Riad sein könnte. Ich hoffe, dass Angelica es allen erklärt. Stattdessen sitzt sie schweigend da und zeichnet mit ihrem Filzstift Odysseus und Diomedes, versteckt hinter der Doppelflamme. Ich erinnere daran, dass das Projekt von der Schulleitung genehmigt werden müsse, und wechsle das Thema.

Sofia: «Und warum sollten sie es nicht genehmigen?»

Weil keine Klasse dieses Gymnasiums je nach Marrakesch oder in ein anderes afrikanisches Land geflogen ist. Weil das Budget begrenzt ist und Billigfluggesellschaften erst seit wenigen Jahren so preiswerte Flüge anbieten. Im übrigen denke ich gar nicht an das Budget, sondern daran, dass Marrakesch in Afrika liegt, und dieses Wort klingt auch für mich nach Fremdheit und Geheimnis, nach Armut und Gefahr.

«Nach Afrika also…», sage ich zögernd.

Angesichts der verdatterten Gesichter der Schüler, die es nicht fassen können, dass man eine Reise deswegen verbieten könnte, weil sie nach Afrika führt, komme ich mir dämlich vor und beschliesse, sie auf die Dinge aufmerksam zu machen, die sie erwarten könnten. Obwohl ich nach Marokko will, argumentiere ich dagegen.

«Dort ist es anders als hier. Ihr müsst die lokalen Sitten respektieren», ein Blick auf die notorischen Unruhestifter, «euch auf eine bestimmte Art kleiden, die Preise verhandeln… Und wenn ihr nicht aufpasst, hauen sie euch übers Ohr.»

Beeindruckt von der Bemerkung zur Kleidung, flüstern ein paar Mädchen miteinander. Dann fragt Barbara, ob in Marrakesch alle Frauen eine Burka trügen.

«Nein!», rufe ich, um die Mädchen zu beruhigen, immerhin das weiss ich. «Manche tragen züchtige, typische Kleidung, andere westliche.»

Camillo lässt sich von Branko erklären, was «züchtig» bedeutet. Lena unterbricht sie: «Ich muss mich also nicht unbedingt so verhüllen wie sie?»

Ich antworte, es genüge, nicht zu übertreiben mit Miniröcken und tiefen Ausschnitten, es sei nur eine Frage des Respekts, bin mir aber keineswegs sicher, ob das stimmt. «Ein bisschen so, als würdest du hier im Badeanzug herumspazieren: Du würdest die Blicke auf dich ziehen, vor allem die männlichen, manche würden dich vielleicht empört ansehen, mehr nicht.»

«Sind diese Shorts okay?», fragt Lena weiter und zwingt mich, ihre Beine zu betrachten.

«Doch, die gehen.» Ich stehe auf und gehe in die Mitte des Schulzimmers. «Ausserdem kommt es darauf an. Für den Markt ziehst du dich vielleicht etwas weniger auffällig an.»

Wir betrachten allesamt ihre Beine. Lena errötet und hält sich die Hand vor den Mund. Ich bin sicher, dass sie nicht mehr nach Marrakesch will, und vielleicht nicht nur sie. Das ärgert mich, zum Teufel.

Camillo erkundigt sich, ob es einen McDonaldʼs gebe. Ich weiss es nicht, bejahe aber trotzdem: «Die Stadt liegt ja nicht in der Dritten Welt. Sie bietet zahlreiche Attraktionen.»

«Zum Beispiel?» Angelica, ohne den Blick vom Blatt zu heben.

«Es gibt einen wunderbaren Platz, Souks … und …», sonst fällt mir nichts ein, «viele spannende Sehenswürdigkeiten.»

Ava streckt die Hand auf und fragt: «Stimmt es, dass nur Muslims in die Moscheen dürfen?»

Ich nicke, das ist mir bekannt, ich weise aber auch hastig darauf hin, dass es in Casablanca eine gibt, die auch Nichtmuslimen offen steht.

«Aber in Marrakesch nicht», wendet Angelica ein.

Camillo ist verblüfft und findet es ungerecht: «Bei uns dürfen sie in die Kirche.»

Obwohl ich seine Skepsis teile, will ich ihm widersprechen und ihn ein wenig in die Ecke drängen: «Du solltest dich gut informieren, bevor du urteilst. Was weisst du über den Islam?»

Bevor er etwas – sicher Unangemessenes – sagen kann, macht Sarah eine verächtliche Geste und ruft, an mich gerichtet: «Es hat keinen Sinn, er ist Anhänger der Lega! Wissen Sie, dass er gegen den Bau von Moscheen in der Schweiz ist?»

Camillo knurrt, sie solle schweigen.

Sarah: «Auch diese Leute haben das Recht zu beten.»

Barbara, die im Lauf des Schuljahres immer wieder mit einem gewissen Stolz ihre Nähe zu den Werten der Rechten betont hat, möchte meine Meinung wissen: Ob die Moscheen eine Gefahr für die christliche Identität darstellten?

«Jetzt ist nicht der geeignete Moment, eine so komplexe Frage in Angriff zu nehmen», antworte ich, obwohl ich überzeugt bin, dass es keinen besseren Moment geben könnte.

«Ich weiss sowieso schon, was Sie darüber denken», mischt Camillo sich ein. «Es ist doch naheliegend.»

«So?», hake ich nach, leicht verlegen.

«Ach, kommen Sie, das ist doch klar.»

Eine laute, chaotische Diskussion bricht los, bis ich zwecks Wiederherstellung meiner Autorität die Stimme erhebe: «Ruhe! Hier sollen die Menschen nicht weiterfahren!»

Ich sitze in meinem Arbeitszimmer am Schreibtisch, neben der Tastatur aufgestapelt drei Reiseführer, das Worddokument noch blank. «Studienreise nach Marrakesch», schreibe ich und speichere.

Ich blättere im ersten Führer, halte mich lange bei den Fotos auf. Diese Linien und Farben sind irgendwie Teil von mir, auch die Moscheen, die Medersa Ben Youssef, der Brunnen Chrob ou Chouf (das bedeutet «schau und trink», ein einfacher Fall), die Gerbereien, dieser Garten, sogar die unverständlichen Schriftzüge. Der zweite Führer ist weniger bunt. Ich überspringe die Einführung und beginne mit dem Eintrag über den Djemaa-el-Fna-Platz. Lese von Akrobaten und Schlangenbeschwörern, Wahrsagern und Gnawa-Musikern und bin ganz aufgeregt, weil ich meinen Schülern dieses Schauspiel werde bieten können.

Ich versuche, einige Namen auszusprechen, da ich sie danach vor der Klasse wiederholen muss. Keinen blassen Schimmer habe ich, wohin die Betonungen fallen und was ich mit den Doppelvokalen anstellen soll: «Mamòunia … Mamonià … Mamounìa … Mamunià … Mamùnia … Mamunìa … Mamunià … Màmonia … Mamònia … Mamonìa … Bàhia? Bahìa? Bahià? Mit aspiriertem H?»

Dann lese ich den Eintrag zu den Saadier-Gräbern. Über dieses Thema will ich mehr erfahren. Ich kann mich nicht vor die Klasse stellen und aus dem Gedächtnis eine Seite aus einem Reiseführer herunterleiern, der obendrein schlecht geschrieben ist. Die Werke von Ben Jelloun, Bowles, Mernissi müssen her, und alles, was ich sonst an Interessantem über Marokko finde.

Meine Mutter freut sich, dass ich endlich in mein Ursprungsland zurückkehren will, auch wenn Überraschung und Sorge überwogen, als ich es ihr mitgeteilt hatte.

«Nach Marrakesch?», hatte sie ungläubig lächelnd gefragt. «Und wie machst du es mit der Sprache? Dort muss man vorsichtig sein! Du willst sie selbst in der Stadt herumführen?»

Ihre Worte hallen mir immer noch im Kopf nach, vor allem das, was sie über die marokkanische Identitätskarte gesagt hat.

«Hast du sie erneuert?»

Nicht nötig. Ich habe einen Schweizer Pass.

«Aber dort giltst du als Marokkaner.»

Sie können es nicht wissen. Ich könnte auch Isländer, Zulu oder Tunesier sein.

«Man merkt es doch, dass du Marokkaner bist!»

Das ergibt alles keinen Sinn.

«Man sieht es an deinem Namen!»

Na und? Ich bin Schweizer.

Trotzdem beschleicht auch mich ein ungutes Gefühl.

 

Nach den Ferien teile ich der Klasse IV M mit, das Reiseprogramm sei fertig und ich wolle es ihnen kurz vorstellen.

Eine halbe Stunde später sind wir immer noch beim Montag.

«Ist es zwingend, im Hammam nackt zu sein? … Ruft der Muezzin morgens laut? … Stimmt es, dass man dafür bezahlen muss, wenn man ihn fotografiert? Und wenn ich nichts zahle? … Kriegt man auf jeden Fall Dü… Dünnschiss?»

Ich beantworte selbst die naivsten Fragen und sogar jene, deren Antworten mir unbekannt sind.

«Gibt es Polenta? … Und McBacons? … Was, wenn ich Malaria bekomme? … Muss ich eine Burka anziehen? … Kann ich mir eine als Souvenir kaufen?»

Ich fühle die wachsende Aufregung der Klasse, bin davon beflügelt und widme der Reise schliesslich die ganze Stunde. Heute will niemand Petrarcas gestreuten Reimen lauschen.

Branko geht wieder in die Offensive: «Und die Kameltour?»

Ich antworte, im Programm sei zwar keine vorgesehen, er könne aber einen der geplanten freien Momente nutzen, und obwohl ich selbst noch nie ein Kamel bestiegen habe, erzähle ich ihm, es mache grossen Spass. Branko wird ganz zappelig und bittet Camillo, ihn zu begleiten.

«Darf man auch zu zweit?»

In der Schule bleiben immer wieder Kollegen im Korridor stehen, um mich zu beglückwünschen, ich hätte da wirklich eine geniale Idee gehabt. Diese Aufmerksamkeiten freuen mich, aber ich mache mir auch Sorgen, dass etwas schiefgehen könnte: Ich habe Angst, der Riad könnte sich als Rattenloch erweisen, das Flugzeug abstürzen oder von einem Terroristen aufs offene Meer entführt werden, das Couscous niemandem schmecken, das Wetter nicht mitspielen, die Schüler könnten Durchfall bekommen, sich langweilen, Händler in Rage bringen oder Betrügern auf den Leim gehen, sich Joints drehen, betrinken und Dummheiten anstellen, sich in den Souks verirren und schliesslich nie wieder einen Fuss nach Marokko setzen wollen.

 

Voilà, ein erstes Mal stehe ich beschissen da, als mich die Polizisten am Flughafen von Marrakesch bitten, meine marokkanische Identitätskarte vorzuweisen. Sie reden auf Arabisch und Französisch auf mich ein, eine Viertelstunde lang Grimassen und misstrauische Fragen. Ich antworte auf Italienisch und Französisch. Die Schüler hören amüsiert zu, tuscheln und grinsen, während die Kollegin, die mich begleitet, für mich übersetzt, wenn ich etwas nicht verstehe, und mir mit Vokabeln aushilft.

 

Auf dem Platz vor dem Flughafen stehe ich schon zum zweiten Mal beschissen da, ein Bus erwartet uns, der Fahrer, der mich formell empfängt, redet Arabisch mit mir. Während der Fahrt muss ich ihm auf Französisch erzählen, warum ich meine eigene Muttersprache nicht beherrsche. Die Jugendlichen, aufmerksam wie nie, machen sich eifrig Notizen zu meiner Biographie.

 

Vor dem Grab von Lalla Zohra stehe ich zum dritten Mal beschissen da: Mir ist alles entfallen, ich erfinde wild drauflos, sage Widersprüchliches. Angelica weist mich auf meine Fehler hin. Vielleicht weil ich mir im Bus eine ironische Bemerkung über ihre Frisur erlaubt habe.

 

Auf dem Djemaa-el-Fna-Platz stehe ich zum vierten Mal beschissen da: Barbara kriegt ein schmutziges Glas. Nachdem sie es ihren Mitschülern vorgeführt hat, schlägt sie vor, das Mittagessen im Mac einzunehmen.

Einstimmiges «Ja, das machen wir».

 

In den Souks stehe ich zum fünften Mal beschissen da. Lena, die die Gruppe anführt, biegt in eine enge Seitengasse ein, schwenkt mit unübersehbar wippenden Brüsten die Arme und ruft: «J’achète beaucoup, j’achète beaucoup!» Unverzüglich wird sie von Händlern umringt.

Um sie zu befreien, muss ich eine Menge Flüche und Stösse einstecken.

Am Schluss verabschiedet sich einer der Männer in perfektem Italienisch von ihr: «Du Grossmöse.»

 

Beim Abendessen stehe ich zum sechsten Mal beschissen da: Obwohl das Lokal halb ausgestorben ist, müssen wir fast eine Stunde warten, und die Bedienung ist unfreundlich.

«Und so was nennt sich Gastfreundschaft. Bei uns ist man höflicher», lautet Camillos Verdikt.

 

Am nächsten Tag stehe ich zum siebten Mal beschissen da: Dem Programm zufolge soll ich die Klasse zuerst ins Herz der Mellah führen, dann ins Dar-Si-Said-Museum, schliesslich in den Bahia-Palast. Wir verirren uns fast augenblicklich. Die Schüler meckern herum, stellen Fragen.

«Soll ich die Rega anrufen?», tönt es von hinten, der will wohl sitzenbleiben.

Schliesslich gebe ich auf, drücke wohl oder übel einem Jungen fünf Dirham in die Hand, damit er uns in zehn Minuten zurück zum Djemaa el Fna bringt.

 

Ich stehe zum achten Mal beschissen da, als Angelica ihre Mitschüler darauf aufmerksam macht, dass sie bisher keine einzige Buchhandlung zu Gesicht bekommen hätten.

«Wahrscheinlich weil sie danach gleich den Laden dichtmachen könnten», kichert Sofia.

«Morgen führe ich euch zu einer», sage ich genervt.

 

Beim Mamounia stehe ich zum neunten Mal beschissen da. Vor dem Eingang sieht man uns angewidert an, mit uns reden zu müssen, scheint geradezu eine Belästigung zu sein. Ihre Blicke sagen: «Was wollt ihr hier, angezogen wie Clochards? Doch nicht etwa eintreten?»

 

Abends vor dem Schlafengehen zeichne ich für jede Scheisspeinlichkeit einen kleinen Haufen auf das Ticket des Hinflugs.

 

Als wir in Malpensa gelandet sind und bei den Förderbändern auf unser Gepäck warten, tritt Angelica zu mir und sagt: «Wissen Sie, dass ich mindestens zwanzig arabische Wörter gelernt habe?»

«Bravo», sage ich schulmeisterlich. «Sehr weit kommst du damit allerdings nicht.»

Sie wirft mir einen kalten, schneidenden Blick zu: «Ich kann mich einigermassen durchschlagen.»

«Scheisserchen», raune ich und aktualisiere den Zählerstand.

Die Zitate stammen direkt oder leicht angepasst aus Dante Alighieri, «Die göttliche Komödie», übersetzt von Hermann Gmelin, Philipp Reclam jun., Stuttgart 2001.

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Zu Hmines ausgezeichnetem Roman «La chiave nel latte» (Gabriele Capelli Editore, 2018):

Alexandre Hmines Roman wurde 2017 bereits mit dem Studer/Ganz-Preis für das beste italienischsprachige Erstlingswerk ausgezeichnet. Kurze, ausdrucksstarke Episoden, Impressionen und Erinnerungen fügen sich zum Porträt eines marokkanischen Jungen, der unter der Obhut der älteren Witwe Elvezia im Tessin aufwächst. Kindliche Spiele, religiöse Feste oder erste Liebeleien, ein Besuch im sogenannten Heimatland, später auch die wachsende Zuneigung zur Literatur leuchten in ihnen auf. Die erzählerische Sprache selbst verdichtet sich dabei zunehmend zur grossen Frage nach Zugehörigkeit und Identität. Und auf Italienisch, Französisch, Arabisch und Schweizerdeutsch – nebeneinander und miteinander verflochten – ist sie sich selbst eine Art Antwort. (Stephan Bader)

Ein Zitat aus dem Werk:

«Torno con la memoria a quando divoravo i Landjäger, ai panini al salame che mi preparava l’Elvezia in occasione delle gite scolastiche. E tutto questo mi disturba. Mi ammorba. Come è possibile? Mi si presenta, nitido, il volto schifato di mia madre mentre spiega perché il maiale è un animale immondo. Il modo in cui storce la bocca.»

Fotos: Maurice Haas

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»