«Willy Single Malt»

«Eine dieser Nächte» — für diesen poetischen, tragikomischen Roman über das Erzählen und das Übersetzen wird Christina Viragh mit einem der Schweizer Literaturpreise 2019 ausgezeichnet. Lesen Sie hier eine neue Kurzgeschichte der in Rom lebenden Autorin.

«Willy Single Malt»
Christina Viragh, fotografiert von Maurice Haas.

Mir gefällt er, dieser kleine Sarg, aussen ist er dunkelrot bemalt, innen mit einem hellroten Stoff bezogen, darauf liegt ein Weihnachtsmann, ein Weihnachtsmann-Anzug, mit Zeitungspapier ausgestopft, als Kopf hat er einen menschlichen Schädel, einen winzigen, wahrscheinlich von einem Fötus, mit der Zottelkappe darauf. Ich habe ihn vor Weihnachten in Zhang Lis Warenladen entdeckt und gegen ein Flanellhemd eingetauscht. Er wollte auch meine Handschuhe haben, aber ich habe ihm gesagt, das könne er vergessen, da hat er mir den Sarg fürs Hemd gegeben. Ich habe den Sarg unter den Weihnachtsbaum gestellt, das heisst, was wir Weihnachtsbaum nennen, es ist eine Weihnachtsbaumform aus gestanztem Blech. Meine Mütter haben angefangen zu schreien, wegen des Sargs, wegen des Fötusschädels. Ich habe gesagt, das sei aber so gemeint, ich meine, der Sarg sei so gemeint, ich hätte einen Zettel gefunden, auf dem steht, das sei eine Krippenfigur, das Jesuskind in der Krippe. Den Zettel habe ich wirklich gefunden, unter dem Kopf des Weihnachtsmanns, es stand zwar nur «Krippenfigur» darauf, aber es ist ja klar, welche. Es stand «Krippenfigur» darauf und «zur Weihnacht 71 von Willy Single Malt». Mit Schreibmaschine auf Papier. Das ist wirklich wahr. Ich könnte den Zettel an einen Sammler verkaufen. Wollen Sie ihn kaufen? Nein. Ich meine, nein, ich verkaufe ihn nicht, noch nicht. Vielleicht treffe ich Willy Single Malt, er ist vielleicht noch am Leben. Was hätte das sein sollen, dieser Sarg, würde ich ihn fragen. Hattet ihr solche Bräuche.

Nein, hatten sie nicht, das weiss ich jetzt, ich habe meine Mutter Maria gefragt, sie hat sich aufgeregt, was ich mir bei solchen dummen Fragen denke, mit vierzehn dürfe man nicht mehr so uninformiert sein. Mit Maria ist nicht gut Kirschen essen, was immer das heisst, Martha sagt das. Das Geschrei ging weiter, auch nachdem ich den Sarg unter dem Weihnachtsbaum weggenommen und in meinem Zimmer aufgestellt hatte. Ich solle ihn Zhang Li zurückbringen, er hat ja Tag und Nacht geöffnet, das war am Abend vor Heiligabend. Ich sagte, ihr könnt mit dem Tod nicht umgehen. Es ist wahr, sie können mit dem Tod nicht umgehen. Maria steckte die Kerzen in die Halter an den Zweigenden, sogenannten Zweigenden, das Ganze ist eine ausgestanzte Blechschablone, ich glaube, das habe ich schon gesagt. Sie richtete sich mit einer Kerze in der Hand auf und schaute mich schweigend an, das macht sie immer, wenn man ihr eine Wahrheit sagt, mit der sie nicht umgehen kann, aber mir ist das egal.

Die Weihnacht lasse ich aus, davon erzähle ich vielleicht später, ja, davon erzähle ich später.

Nur das, dass ich am Fünfundzwanzigsten dachte, jetzt ist es schon Frühling, es regnete und war warm, die Sülze, die Maria über Nacht hinausgestellt hatte, begann zu schmelzen. Ich hätte sie hereinholen können, als es gegen zwei zu regnen begann, aber soll Maria ihre Sülze selbst verwalten. Zwei in der Nacht, es begann gegen zwei in der Nacht zu regnen, es klopfte aufs Kuchenblech, mit dem die Sülze zugedeckt war. Ich bin oft auf den Beinen in der Nacht, eine frühe Prägung, frühkindliche Prägung, so heisst das. Als ich klein war, sassen meine Mütter ganze Nächte am Computer, sie hatten mich auf dem Schoss.

Dann war es wieder kalt, grau und kalt. Nach den Festtagen. Ich zog meine Jacke an, und sie kamen wieder damit, dass ich die Krippenfigur, jetzt sagten sie auch Krippenfigur, Zhang Li zurückbringen soll. Fällt mir gar nicht ein. Der Boden war gefroren, als ich aus dem Haus trat, meine Jacke ist zu dünn, vielleicht könnte ich sie bei Zhang Li gegen eine dickere eintauschen, dachte ich, wenn ich die Handschuhe doch draufgebe. Es war still und es stank, ich weiss nicht wonach. Bei Zhang Li war die Tür blockiert, das heisst, sie ging ein wenig auf und blieb dann stecken, ich musste mich mit der Schulter gegen sie werfen, damit sie ganz aufging, da ging sie zu heftig auf, sie riss das Klangding mit, das über ihr hängt, es fiel herunter. Ich musste einen Hüpfer machen, um nicht daraufzutreten. Um sie zuzumachen, musste ich mich gegen die Tür werfen, von innen. Zhang Li betete, vor dem Schrein für die Ahnen. Es roch nach Räucherstäbchen. Ich wartete, bis er fertig war. Dann fragte ich ihn, ob er sich erinnere, dass ich vor den Festtagen einen kleinen roten Sarg mit einem Weihnachtsmann darin, den Fötusschädel erwähnte ich nicht, sonst hätte es ihn vielleicht gereut, ihn weggegeben zu haben, ich fragte ihn, ob er sich erinnere, dass ich den Sarg bei ihm erworben hatte. Er sagte nichts. Er nahm etwas aus seiner Hosentasche und steckte es sich in den Mund. Er schaute mich kauend an. Dann schaute er auf das Klangding auf dem Boden. Ich ging es aufheben und legte es auf einen verpackten Ballen, ich weiss nicht, was darin ist. Zhang Li kaute und schaute mich an. Der rote Sarg mit dem Kindsschädel, fragte er.

Ich wusste nicht, was ich von ihm wollte, ich meine, warum fragte ich ihn nach dem Sarg, ich weiss es nicht. Aber auf einmal dachte ich, dass er mir etwas über diesen Willy sagen könnte, im Moment fiel mir sein voller Name nicht ein, obwohl ich ihn mir über die Weihnacht dauernd vorgesagt hatte, aber jetzt fiel er mir nicht ein. Zhang Li schaute mich kauend an. Später fiel mir ein, dass er Willy Single Malt hiess, aber da war schon klar, dass Zhang Li nichts wusste, er hatte den Sarg wegen der Weihnacht aus dem Lager geholt. Der habe da seit ewig herumgestanden. Die Wahrscheinlichkeit sei praktisch null, dass ich etwas herausfinden würde. Dreiunddreissig Prozent, sagte ich. Zhang Li steckte sich wieder etwas in den Mund, ich konnte nie sehen, was es war. Wieso. Er sagte, wieso. Alles tritt mit einer Wahrscheinlichkeit von dreiunddreissig Prozent ein. Zhang Li spuckte aus, das Ganze oder einen Teil von dem, was er im Mund hatte. Lernt ihr solchen Quatsch in der Schule. Ich gehe nicht zur Schule, sagte ich. Er lachte.

Eins meiner Probleme ist Jähzorn, ich habe das von meiner Mutter Maria, sie ist meine biologische Mutter.

Ich begann dem Ballen Tritte zu geben, das Lachen machte mich wütend, das Klangding begann zu rutschen und fiel herunter. Ich glaube, ich habe gesagt, dass ich es da draufgelegt hatte. Zhang Li zog mich weg und schrie mich an, weil ich auch ihm Tritte geben wollte. Ich weiss nicht, was er schrie, vielleicht werde ich mich später daran erinnern. Er schob mich zur Tür hinaus. Sie war halb blockiert, er musste mit einer Hand an ihr reissen, mit der anderen Hand hielt er mich fest und schob mich hinaus. Ich war immer noch wütend, ich gab der Hauswand Tritte. Ein Stück Verputz löste sich, das trat ich auf die Fahrbahn hinaus, dann begann es zu schneien. Ich gab auch noch drei Blechtonnen Tritte, in denen brennen Feuer, mit denen sie hier die Strasse beleuchten, da fielen Roststücke ab. Es dämmerte und schneite, in den Tonnen begann es zu zischen. Einige haben Deckel, aber nicht alle. Ich glaube, in dem Moment war ich wieder ruhig. Weiter weg ging eine Tür auf, ich sah nicht wo, die Flocken fielen jetzt dicht, ich musste die Augen halb geschlossen halten. Die Tür quietschte, ich hörte das Klingeln, dann ging sie wieder zu.

Da begann ich den Schneetanz, ich meine, ich nenne ihn so, ich hüpfte mit geschlossenen Füssen um meine eigene Achse. Martha, die ist fähig dazu, würde sagen, ein junges Mädchen benimmt sich nicht so. Sie weiss selbst nicht, was sie redet, sie liest solche Dinge in Büchern, aber sie sah mich ja nicht. Ich hüpfte, bis mir schwindlig zu werden begann, dann hüpfte ich im Gegensinn weiter.

Schneetanz

Schneetanz, Schneetanz, hätten wir gesungen und wären auf der zu harten Polsterung des Sofas gehüpft, auf seiner ächzenden Federung, bis es sich die Rätin verbeten hätte. Luise, untersagen Sie das den Kindern. Gewundert hätte uns, dass das Flockengewirbel, das wir durchs Fenster sahen, nach Staub roch. Für uns riecht Schneefall nach Staub, nach dem Staub, der unter unseren hüpfenden Füssen aus dem Polster aufstieg. Schneetanz, Schneetanz, hätten wir mit hoher Stimme Luise entgegengesungen, als sie ins Zimmer kam. Kinder, hört auf damit, die gnädige Frau ist schon ungehalten. Ungehalten, ungehalten, hätten wir mit schrillem Lachen gesungen. Bis die Rätin selbst gekommen wäre. Luise, ist es denn unmöglich, die Kinder zu Gehorsam anzuhalten. Anzuhalten, hätten wir schrill lachend gerufen und wären nach allen Seiten vom Sofa gesprungen, verschwunden, verpufft. Luise und der Rätin hätte der hohe Ton noch eine Weile im Ohr geklungen.

Es ist Februar, der Blechbaum, ich meine, der Weihnachtsbaum, steht immer noch im Wohnzimmer, weil Martha nicht loslassen kann. Sie kann nicht loslassen, ich habe es ihr gesagt, aber nein, sie hat gesagt, nein, sie habe es in einem Buch gelesen. Ich verstehe das nicht, was hat sie in einem Buch gelesen. Ich verstehe auch Maria nicht, sie ist sonst so auf Ordnung versessen, warum duldet sie das. Egal, ich habe etwas herausgefunden über den Willy Single Malt, dass der ein Säufer war, der hiess wie der Whisky, wie eine Art Whisky, Martha hat es vor Nervosität fast weinend gesagt. Sie wird nervös, wenn man ihr direkte Fragen stellt. Aber sie sagte doch, das ist eine Art Whisky. Sie blickte nicht von ihrem Buch auf. Ich sagte nichts. Da blickte sie zu mir herüber und sagte, der lebt sicher nicht mehr, wenn er ein Säufer war. Das machte mich wütend. Zuerst will sie nichts wissen, und dann weiss sie plötzlich alles, er lebt sicher nicht mehr, er war ein Säufer. Ich werde ihn finden, schrie ich und ging aus der Wohnung. Die Tür schlug ich zu, dann öffnete ich sie noch einmal und schlug sie noch einmal zu.

 


Zu Viraghs ausgezeichnetem Roman «Eine dieser Nächte» (Dörlemann, 2018):

In Sitz 63H der Boeing 777 von Bangkok nach Zürich sitzt Big Bill: Poloshirt, Shorts, Amerikaner. «Ein Sextourist», denken seine Sitznachbarn, «schon wieder ein Alkoholiker», denkt die Flugbegleiterin. Bald ist klar: Nur sitzend wird Bill diesen Flug nicht verbringen. Zwölf lange Stunden trinkt und erzählt er sich durch die Nacht. Die anfangs unbeteiligten Mitreisenden werden nach und nach von Bills Geschichten absorbiert und werden zu Miterzählern seines Lebens.
Christina Viragh, 1953 in Budapest geboren, studierte Philosophie, Französisch und Deutsche Literatur an der Universität Lausanne. Neben ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin übersetzt sie Autoren wie Imre Kertész, Sándor Márai und Péter Nádas ins Deutsche. In «Eine dieser Nächte» erzeugt Viragh über kapitelweise wechselnde Erzählperspektiven eine Mehrstimmigkeit auf engstem Raum: Big Bills lautes Referieren, Hagens Teenagergeblogge und Emmas innere Dialoge – um nur einige zu nennen – füllen gemeinsam die Leere der Nacht. (Alicia Romero)

Ein Zitat aus dem Werk:

«Also, wie ich Joey in seiner Hütte in den Adirondacks besuche und wie er sich Tee macht und mich seine drei Hunde anbellen, wenn ich Martha hervorhole, und wie er schwer bereut, Ännchen den Brief geschrieben zu haben von den Ungeborenen, die ihre Mütter hassen, und wie er sich schuldig fühlt an Bill juniors Tod und an Ännchens Tod auch. Da übertreibt er ein bisschen, aber nicht einmal sehr. Die verdammten Schriftsteller. Bauen einen Riesenmist, a big fucking mess, um dann ein Leben lang daran kauen zu können.»

Fotos: Maurice Haas