The Kids Are Alright

Joey Goebel: Ich gegen Osborne. Zürich: Diogenes, 2013.

The Kids Are Alright

«Wie jeder andere vernünftige Mensch auch hasste ich die Highschool.» – James Weinbach ist 17, fährt einen 1988 Lincoln Town Car und trägt immer einen Anzug. Aus Prinzip. Und: er will Schriftsteller werden. Weinbach ist der Ich-Erzähler aus «Ich gegen Osborne» und «Osborne» keineswegs ein rivalisierender Klassenkamerad, sondern der Name der Schule in Vandalia, Kentucky, die unser junger Held besucht. So auch an diesem ersten Tag nach dem Spring Break, den Ferien, die amerikanische Heranwachsende – so sieht man es im Fernsehen und neuerdings auch im Kino – leicht bekleidet irgendwo am Strand und unter Einfluss einer nicht geringen Menge Alkohol zu verbringen pflegen. Nicht so unser James: «Satan, dein Name ist Pubertät». Er mag alte Filme, Jazz und Bücher wie George Orwells «1984», das gerade im Englischunterricht gelesen wird. James, einem dieser «vernünftigen Menschen», sind seine Zeit- und Altersgenossen zuwider, Modeerscheinungen wie Kleider und Musik erschüttern ihn bis ins Mark – in seinen Worten: der «Grosse Bruder», das ist heute die «Grosse Dumme Hurerei», der sich jede und jeder bedenkenlos hingibt.

Das alles klingt düster und könnte es auch sein, bedenkt man, dass der Roman genau in jener Zeit spielt – April 1999 –, in der es zum Amoklauf an der «Columbine High School» kam. Aber: düster wird es hier nie. Denn Joey Goebel liebt es, dem medial portierten Amerika ins hässliche Angesicht zu blicken und davor wütend auf den Boden zu spucken. Wo immer MTV gerade eines seiner Orwell’schen Formate dreht, fährt der Bestsellerautor scharfes Geschütz auf. Doch er tut es nie ohne Witz, nie ohne Gefühl für das Absurde und stets treffsicher an den bekannten Klischees vorbei – und das seit Jahren. In Goebels Debütroman «Freaks» gründeten eine Rentnerin, ein 8jähriges Mädchen, ein wütender, afroamerikanischer Twen, ein amerikanophiler Mitvierziger aus dem Irak und eine Schönheit, die freiwillig im Rollstuhl sitzt, um nicht immer vom anderen Geschlecht bedrängt zu werden, eine Band.  «Vincent» erzählte die Geschichte eines hochbegabten Heranwachsenden, dessen Mentor dafür zu sorgen hat, dass diesem nichts Gutes widerfährt – denn aus grossem Leid entspringt grosse Kunst. Ebendiese soll im Kleide des Mainstreams in alle Radio- und Fernsehkanäle eingespeist werden, um die «dummen» Amerikaner subtil und effektiv zur lange verschollenen Kultur zu erziehen. «Heartland» war der grosse Familienroman, der vorwiegend auf Parkplätzen vor Walmarts und Wrestlinghallen spielt, wo geraucht und Bier auf den Ladeflächen von Pick-ups getrunken wird.

Allein die Erfahrung beim Überqueren eines Fussgängerstreifens in einem dieser Vororte, die nur aus Schnellrestaurants bestehen, vermag es, aus dem (Lese-)Urlaub eine willkommene Zumutung zu machen: Die Pappbecher sind plötzlich viel zu gross, der Filterkaffee darin viel zu dünn und überhaupt sind alle viel zu nett. Freundlichkeit schwappt von allen Seiten über das schutzlose Haupt und brandet an den lächelnden Gesichtern der sehr jungen oder nur unmerklich «junggebliebenen» Menschen hinter dem Tresen.

Derlei Hingabe zu Empörung und zu europäisch-vernünftelndem Dünkel verschafft wenn nicht Zufriedenheit, so doch immerhin Linderung beim Versagen, die grosse kulturelle Brücke zu schlagen. Nur zu gerne verbrüdert man sich mit Goebels Protagonisten, die sich nicht verbrüdern wollen, und steigt ein in Tiraden gegen Medien und Massenverdummung. Dass «Ich gegen Osborne» zuerst in deutscher Übersetzung erscheint, während das amerikanische Original noch der Veröffentlichung harrt, verwundert nicht: wenn es um belletristische Amerikakritik geht, findet sich hier ein wohlkonditioniertes Publikum, das allzu leicht vergisst, wer da in jugendlichem Furor spricht: der adoleszente James – Talkin’ ’bout my Generation.