Verehrt und gefederert

Christian Uetz: Federer für alle. Basel: Echtzeit, 2011.

Zum ersten Mal rüttelte mich Christian Uetz an einem späten Freitagnachmittag Ende der achtziger Jahre aus meinem Studentenschlummer. Im Hörsaal 217 der Uni Zürich entwand er dem Philosophieprofessor das Nietzsche-Zepter, schnurrte und säuselte, trommelte gegen die Tafel, reckte die «Fröhliche Wissenschaft» auf dem Handteller gen Himmel, tobte wie ein Sidian, das sei kein Buch, sondern Dynamit. Der philosophische Poet übertrumpfte die Analyse durch die Performance, die exegetische durch die ekstatische Interpretation.

Zehn Jahre später ging es an einer Versammlung des Schweizer Schriftstellerinnen- und Schriftstellerverbandes um eine bescheidene Finanzhilfe zur Bekämpfung des immer noch unterschätzten Analphabetismus in der Schweiz. Alle nickten betroffen, engagiert oder korrekt. Nur Uetz fragte zum Entsetzen aller, ob wir wirklich von oben herab sicher seien, wer nicht lesen und schreiben könne, sei weniger glücklich.

Unterdessen ist Christian Uetz einer der bekanntesten Dichter des Landes und Träger des Bodensee-Literaturpreises. Uetz ist ein DJ, ein Diskursjockey, der gleichermassen kühn auf den Sprachen der Philosophie, der Liebe oder des Sports galoppiert. Seine Hymne an das Schweizer Nationalheiligtum Roger Federer ist eines der lustigsten Bücher der gesamten Schweizer Literatur. Zum einen das aufrichtige Bekenntnis eines süchtigen und «gottsehnsüchtigen» Fans, der im Badeurlaub an der kroatischen Küste eine Bar mit Eurosport-TV sucht, um nur ja nicht ein Achtelfinalmatch Federers zu verpassen. Dahinter und darüber kalauert Sprachschalk Uetz nach Herzenslust («Die wunderbaren Fehlerer», «Dieser Pott macht ihn zum Tennis-Gott») und lässt diesmal den stelzigen Sportjournalistensound mit seinen Füllwörtern («schlägt auch im Ballwechsel drin knallhart») und Superlativen heisslaufen: Federer ist phantastisch, toll, völlig unermesslich, herrlich grandios, immer wieder unglaublich, ein Wunder, die Vollkommenheit. Schon Robert Musil dachte über das «geniale Rennpferd» nach, das die Reporter vor hundert Jahren feierten. Uetz lässt keinen Zweifel mehr daran, wie und womit wir Aufgeklärten unsere Gottesleere füllen. Nebenbei lockt er die Naturwissenschaftsgläubigen («Siegergen», «Gottgen») und die Philosophen Kant, Schiller, Heidegger («göttliche Tennislichtung») ans oder ins Netz.

Ode und Parodie. Die Quadratur von Ironie und Pathos. Ein Buch über das gesellschaftliche Unbewusste unserer Zeit. Dringende Bitte ans Schweizer Fernsehen: Lasst Uetz das nächste Federer-Finale kommentieren!