Schweizer und andere Schweizer

Yusuf Yesilöz: Kebab zum Bankgeheimnis. Geschichten von west-östlichen Begegnungen. Zürich: Limmat, 2012.

Schweizer und andere Schweizer

«Die Tagesaktualität kann man auch als einen aufgeblasenen Ballon betrachten. Weht am nächsten Tag ein noch stärkerer Wind, ist der Ballon verschwunden.» Mit diesen ­Sätzen, die auf Seite 80 des neuen Buchs von Yusuf Yesilöz ­stehen, ist darüber eigentlich schon fast alles gesagt. Der aus ­einem kurdischen Dorf in Anatolien stammende, seit einem Vierteljahrhundert in Winterthur lebende Schriftsteller, Übersetzer und Filme­macher, dessen die Schweizer Literatur vielfach bereichernde Romane, darunter Lied aus der FerneGegen die Flut und vor ­allem sein Hochzeitsflug, noch viel zu wenig ­gewürdigt sind, hat sich bemüssigt gefühlt, 108 seiner in diversen Schweizer Zeitschriften veröffentlichten Kolumnen, zusammen mit drei zuvor unpublizierten, in einem Buch zu versammeln. 111 Kurztexte, zwei, manchmal drei Seiten. Der Untertitel «Geschichten von west-östlichen Begegnungen» trifft es nicht ganz. Oft, zu oft geht es um die Schweizer Innenpolitik. Das bedeutet: viel Redundanz. Und vor allem: Tagesaktualität. Heute aber, das hätte ein erfahrener Schriftsteller wie Yusuf Yesilöz wissen müssen, weht ein noch stärkerer Wind. Und so geht den Leser vieles einfach nichts (mehr) an.

Sicher, es sind überzeitlich gültige, vergnüglich-skurrile, auch literarisch schöne Texte darunter, auch Sentenzen, die man gern zitieren mag: «Sehnsucht ist eine Uhr, die jedermann ständig mit sich trägt» zum Beispiel, oder «Kalos Verzweiflung stieg wie das Wasser in der Thur nach einer Regenwoche». Aber das sind Inseln in einem Meer von Texten, in denen es um Christoph Blocher und die SVP, den Umgang von Schweizer ­Beamten mit etwas anders aussehenden Bürgern, den «Fifa-Blatter» und den Armeechef Blattmann, den verlogenen Umgang westlicher Politiker mit Diktatoren wie Mubarak oder Gaddafi und immer wieder um die oft unzureichenden Integrationsbemühungen und die bürokratisch-reale Einbürgerungspraxis von Migranten samt allen damit einhergehenden Schikanen geht. Alles sympathische Texte mit ehrenwerten Themen natürlich, aber eben: Tagesaktualität. Zwischen zwei Buch­deckeln, so hintereinander weggelesen, nerven sie bald, und auch lustige Stories wie «Mit Scharf zum do ässe», wo es um ein Kebabgeschäft namens «Bankgeheimnis» geht, oder «Hoi, Ernscht!», in der ein Grenzer seinen Standardsatz «Uuswiis bitttte!» um die Ohren gehauen bekommt, machen die Sache nicht viel besser. Yusuf Yesilöz hat seinem Renommee mit ­dieser Kolumnensammlung keinen Gefallen getan.