Von Frickingen nach Heiligenberg

Kraut & rüber

Von Frickingen  nach Heiligenberg
photographiert von Beat Schweizer

Überlingen, gelegen am nördlichen Ufer des Bodensees, ist eine schmucke Kleinstadt, aber ihr Bahnhof ist ein Abgrund. Mitten in der Stadt kippt unerwartet der Boden weg, und in fünf, sechs Metern Tiefe, eingeklemmt zwischen Mauern, verkehren die Züge. Also immer nur einer, denn es gibt nur ein Gleis. Über ihm steht ein schmaler Streifen Himmel; für den Dieselruss, den die Lok ausstösst.

Irritiert durch diesen im Bodensee versenkten Unort spaziere ich zum Busbahnhof, wo ich auf den Bus Nr. 7379 warte, der mich nach Frickingen bringen soll.

Ein reger Betrieb herrscht hier, zahlreiche Busse fahren vor, alle tragen sie lange Nummern, lange Ortsnamen. Als ein altes, schmutziges Exemplar ohne Nummer und ohne Anschrift vorfährt, ahne ich, dass das meiner sein muss. Ich eile zum gewichtigen Chauffeur, der schwarze Lederhandschuhe trägt. Wahrscheinlich sollen sie das Steuerrad vor seinen groben Händen schützen.

Auf meine Frage, ob er nach Frickingen fahre, gibt er eine Art Grunzen von sich; es ist vielleicht nicht einladend gemeint, aber auch nicht ablehnend. Gut, dass es im Bus Haltegriffe gibt. Der Kerl fährt, als müsse er schleunigst zurück in den Boxkeller.

In Frickingen steht wie verabredet Martina an der Haltestelle, eine Freundin von mir, mit ihrem Rad. Entlang von bunt belaubten Waldsäumen, von ganz jungen Getreidesprossen, von abgeernteten Apfelbaumplantagen führt uns der Weg. Ich war noch nie in dieser Region, Martina lebt erst seit drei Monaten hier, wir haben keine Karte dabei. So wählen wir die Abzweigungen nach Lust und Laune. Irgendwann werden wir gewiss in Heiligenberg ankommen, wo sie lebt.

Selbstverständlich gibt einer der Wege, die wir wählen, in einem schattenverwöhnten, nassen Abschnitt eines Waldes den Geist auf. Versickert als schmaler Pfad im Unterholz. Und das Unterholz ist derart dicht, dass ich bald Martina meinen Rucksack gebe, um ihr Rad tragen zu können.

Ja, es gibt bequemere Hobbys, als sich mit einem Fahrrad auf der Schulter durchs süddeutsche Gestrüpp zu quälen. Bin ich nicht langsam zu alt für derartige Aktionen? Werde ich nicht bald die Geduld verlieren?

Plötzlich ruft Martina aus: «Impatiens glandulifera!», und wir stehen inmitten von schönsten, schulterhohen Blumen. «Ein wilder Inder!», ruft sie noch und beginnt mit flinken Fingern, irgendwelche Blütensäcklein abzuernten. Weisse und schwarze Kügelchen serviert sie mir, klein wie Brosamen. Schmecken tun sie wie frische Erbsen.

Dass es sich beim Indischen Springkraut um eine sich leichtfüssig durchsetzende Pflanze handelt, ist offensichtlich: auf einer Fläche von vielleicht 50 mal 50 Metern wächst hier sonst nichts mehr. Ihren Erfolg verdankt diese aus dem Himalaya stammende Pflanze einer mächtigen Leistung: In der Stunde produziert sie ungefähr 40mal so viel Nektar wie vergleichbare einheimische Gewächse. Klar, dass Hummeln und Bienen voll auf sie abfahren – und für eine entsprechend lückenlose Bestäubung sorgen. Statt diese Pflanze als lästigen Neophyten zu bekämpfen, wäre es vielleicht an der Zeit, indische Kochbücher nach dieser Impatiens-Art zu durchstöbern. Erst aber ist es nun Zeit, wieder wacker das Velo, pardon: Fahrrad, zu schultern.


Urs Mannhart
ist Schriftsteller und Reportagejournalist. Zuletzt von ihm erschienen: «Bergsteigen im Flachland» (Secession, 2014). In seiner Kolumne «Kraut & rüber» bereist er die Welt und erzählt von Orten, Wegen und wilder Naturkulinarik.