Etwas bleibt immer unscharf

Ulrike Ulrich: Hinter den Augen. Wien: Luftschacht, 2013.

Etwas bleibt immer unscharf

Im Kopf muss etwas sein. An den Augen liegt es nämlich nicht, dass die Ich-Erzählerin in Ulrike Ulrichs neuem Roman «Hinter den Augen» alles verschwommen sieht. Das Wort Tumor fällt. Eine Magnetresonanztomographie soll Klarheit bringen. Eine knappe Stunde dauert es, «den Kopf in Scheiben (zu) zerlegen». Hier, fixiert in der Röhre, könnte sich «etwas heraushämmern lassen aus dem Vergessen», findet die Erzählerin, die sich später im Buch den Namen Karoline gibt. 

Auf einer dieser Scheiben ist zum Beispiel Tom, der frühere Schulkollege, der sie so verehrt hat und dann Selbstmord beging. Genaueres wusste niemand auf dem letzten Abiturtreffen. Da ist auch Alma, einst die beste Freundin, die von ihr betrogen und verraten wurde. Und da ist Barto. Mit ihm möchte Karoline «für möglich halten, was wir beide nicht für möglich gehalten haben. Zuvor.» Der Gefährte, dem sie solche Sorge bereitet, ist der Fluchtpunkt vieler ihrer Gedankengänge. Viel zu weniger, ist man versucht zu sagen. Mehr von Barto, mehr Kindheitsbilder wie jenes von einem perfekten Junisonntag, durch den die Melodie von «Ein Schiff wird kommen» weht, läse man gern. Doch die Frage nach der Schuld, sei es durch Gleichgültigkeit, Verrat oder schlicht durch Geburt, drängt sich immer wieder in den rastlosen, stummen Monolog.

Es ist erstaunlich, mit welcher Empathie die Wahlzürcherin Ulrike Ulrich den passenden Ton für ihre Texte findet. Im ersten Roman («fern bleiben», 2010) gab noch das Zugfahren den Rhythmus vor. In «Hinter den Augen» seziert Ulrich ihre Erzählung und ihre Sätze analog zum «Magnetresonanzbeat» des MRT-Geräts. Dieser Stil aber bringt beim Lesen auch ins Stocken. Wer sich dem harten «Beat» der vielen Kurz- und Kürzestsätze widersetzt, der wird das Buch verärgert weglegen. Wer sich aber darauf einlässt und Ulrichs eigenwilligem Rap durch die Innenwelt ihrer Protagonistin folgt, wird manches Kleinod finden. Mal poetisch, mal nüchtern – aber nicht ohne Humor – wird munter dekonstruiert und Wichtiges dadurch oft erst sichtbar gemacht. «Immer das Herz. Und das Wesentliche. Überall. Auf Postkarten. In Poesiealben. Ist für die Augen unsichtbar. Und ist deshalb mein Herz hinter die Augen gewandert?» Derartige sprachliche Intensität und wortwörtliche Wachheit findet sich in der zeitgenössischen Schweizer Literaturlandschaft selten. 

Und wie steht es um den ersehnten klaren Blick für Karoline? Im Gegensatz zur Maschine, in der sie liegt, arbeiten Hirn und Erinnerung nicht präzise. Aus all den Vergangenheitsfetzen und Gegenwartsminiaturen wird kein Ganzes, das sich lückenlos zusammenfügen lässt. Schon gar kein aussagekräftiges Bild einer Person. Sie bleibt verschwommen. Etwas bleibt eben immer unscharf. Welche Courage, am Ende trotzdem aufzustehen und zu sagen: «Das bin ich. Das bin jedenfalls ich.»