Was passiert, wenn ich keinen Sport mache

Sport schreiben & Wort treiben

Was passiert, wenn ich keinen Sport mache
zvg.

«Wenn ein Schriftsteller fett wird, dann ist das das Ende.» – «Von Beruf Schriftsteller», Haruki Murakami

Es gibt Phasen im Leben eines Sportlers, in denen er keinen Sport machen kann. Ich befinde mich in so einer Phase. Ich habe kein Geld fürs Fitnesscenter und eine Fussverletzung, die das Joggen verunmöglicht. Jetzt könnte man denken, dass ich so eine Phase nutzen kann, um mehr zu schreiben. Das denken viele, sogar ich. Ich denke: ich kann nicht trainieren, sondern nur noch sitzen, also könnte ich am neuen Roman arbeiten. Aber da blinkt eine grosse «Error»-Meldung auf in meinem sportsüchtigen Herz. Es geht einfach nicht. Ohne körperliche Betätigung funktioniert das mit der literarischen Alltagsverwertung bei mir nicht. Die Gedanken stocken, die begonnenen Sätze bröckeln auseinander.

Wo vorher Endorphine und geistreiche Formulierungen Hand in Hand gingen, herrscht Leere beziehungsweise ein unerfüllter Bewegungsdrang. Ich bin Schriftstellerin, aber ich bin auch Sportlerin, und ich kann auch Sportlerin sein, ohne zu schreiben, aber umgekehrt geht es nicht. Also liege ich im Bett und empfinde Neid und sogar ein bisschen Hass auf all jene, die schreiben können, ganze Bücher sogar, ohne sich zu bewegen. Noch mehr verachte ich die, die unbeschwert und schmerzfrei durch den Herbst joggen.

Die «Katastrophe» ist am Dampfen. Murakami hat recht! Für mich fühlen sich sportfreie Phasen nicht an wie vorübergehende Phasen, sondern wie das Ende. Das Ende meiner schriftstellerischen Karriere, das Ende überhaupt.

Na ja. Jammern bringt nichts, aber: irgendwo müssen die Texte ja herkommen. Was tun? Ich habe eine mässig gut funktionierende Lösung gefunden: dem Körper Sport vorgaukeln. Freunden anbieten, ihnen beim Umzug zu helfen. Falls die Freunde nicht umziehen: ihnen anbieten, einfach mal die Wohnung für sie umzuräumen, aufzuräumen. Für jedes einzelne Lebensmittel, das man braucht, einen anderen Supermarkt aufsuchen. Stehen, einfach immer stehen, egal wo, an der Bushaltestelle, im Zug, im Bett. So oft und so lange es der lädierte Fuss zulässt.

Für diesen Artikel hat es gereicht. Jetzt bin ich erst einmal raus, meine Finger mögen nicht mehr tippen. Ich gehe jetzt in den Keller und komme wieder zurück, das sind immerhin zweimal 76 Stufen. Nicht gerade ein neues Romankapitel, aber was soll’s.


 

Laura Wohnlich
ist Schriftstellerin und Sportlerin. Hier bringt sie beides unter einen Hut. Ihr Roman «Sweet Rotation» ist 2017 bei Piper erschienen. Sie lebt und arbeitet in Basel.