Wenn es läuft

Berlin-Charlottenburg, Hotel Kaiser: Es ist der Morgen nach einer ordentlich durchzechten Nacht, wie sich das gehört für diese Stadt. Was sich weniger gehört: der Wecker hat geklingelt. Um acht Uhr früh. Aber das hat einen bestimmten Grund: ich bin hergekommen, um zu arbeiten. Dies ist mein ganz persönliches Schreib-Weekend, nur ich und mein Laptop und […]

Wenn es läuft
Laura Wohnlich, photographiert von Christian Knörr.
Berlin-Charlottenburg, Hotel Kaiser: Es ist der Morgen nach einer ordentlich durchzechten Nacht, wie sich das gehört für diese Stadt. Was sich weniger gehört: der Wecker hat geklingelt. Um acht Uhr früh. Aber das hat einen bestimmten Grund: ich bin hergekommen, um zu arbeiten. Dies ist mein ganz persönliches Schreib-Weekend, nur ich und mein Laptop und mein neues Romanprojekt. Angestachelt von einem Haufen inspirierender Gedanken, begünstigt durch einen Tapetenwechsel in der offiziell kreativsten Grossstadt der Welt. So viel zum Plan. Ich fahre also den Rechner hoch – und stelle fest, dass da gar nichts geht. Leeres Dokument, leerer Kopf.

Also beschliesse ich, eine Runde um den Block zu drehen. Wenn ich schon mal wach bin, aber nicht arbeiten kann, dann will ich mir wenigstens ein bisschen die Gegend ansehen. Aber eigentlich ist es kein willkürlicher Entschluss, sondern eine Instinkthandlung – vielleicht ein Fluchtreflex? So oder so, meine Füsse tragen mich wie ferngesteuert in meine Strassensneakers. Dies sollte kein Sportkurzurlaub werden, folglich habe ich kein anständiges Laufequipment dabei. Bücher, Laptop, Smartphone, Notizen, Sekt für den abrufbaren Musenkuss, das ja. Aber keine Asics. Trotzdem laufen meine Füsse los, kaum dass sie den Asphalt unter sich spüren, und sie tragen mich in Windeseile in Richtung Park, fast so, als würden sie diese Gegend in- und auswendig kennen. Ich bin zum ersten Mal hier, aber alles erschliesst sich mir wie auf einer blitzblanken Landkarte, die sich Schritt um Schritt um Schritt mit der Geographie der Umgebung füllt.

Zuerst denke ich: das kann nicht gut gehen; keine ordentlichen Laufschuhe, kein Google Maps, kein ausgeschlafener Körper. Dann aber merke ich, nach vierzig Minuten Dauerlauf: Seitenstechen und leerer Akku sind kein Thema. Fremde Gegend ist kein Thema. Gedanken ans aufgeschobene Schreiben sind kein Thema. Alles ergibt sich von selbst; ich renne und mein Trommelfell wird von Liedern beschallt, die mir gestern noch zum Hals raushingen, die mir jetzt aber wie wunderbare Meisterwerke vorkommen. Die Sonne scheint, der Kopf wird frei.

Ich spüre, wie es mich überkommt: das Gefühl, ich könnte ewig so weitermachen. Das nennt man im Volksmund, glaube ich, «Runner’s High». Und da zeigt sich mal wieder, denke ich begeistert, dass es dafür nicht zwingend die passende Ausrüstung oder Aufwärmübungen braucht, sondern einfach nur, nur … ja, was denn eigentlich? Eine powerstiftende Übersprungshandlung? Ein kleines Wunder?

Je länger ich laufe, desto intensiver wird mein durchgelüfteter Kopf von frischen Schreibideen gefüttert: mit einem Mal erschliesst sich mir, wie der neue Roman beginnen soll, und grossartige Zwischenpassagen sowie neue Wortkombinationen reihen sich aneinander. Ich tippe beim Laufen Notizen ins Smartphone, ohne anzuhalten oder das Tempo zu drosseln, und ich ahne, dass mein Laufrausch dabei ist, nahtlos in einen Schreibrausch überzugehen. Vorfreude kommt auf. Aber noch bin ich hier nicht fertig. Erst drehe ich noch eine Runde um den See dort drüben. Und dann, weil es grad einfach läuft, gleich noch einmal eine.

Irgendwann dann aber häufen sich so viele Ideen, dass ich sie nicht mehr laufend und mit verschwitzten Fingern auf dem Touchscreen eintippen kann. Ich muss stehen…

Es schreibt.

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Einmalig leicht

Schreiben – ein Rausch? Schreiben ist eine Qual. Begleitet von Zweifeln an mir und Zweifeln an der Sache. Ich steige nur ungern in diesen dunklen Keller hinab. Ich tue es, weil Glanz, Ruhm und Geld die Mühen wert sind. Einen Schreibrausch habe ich ein einziges Mal erlebt. Er dauerte von Februar bis August im Jahr […]

In den Rausch schreiben
Abbildung 2: Hans Morgenthaler, Brief an Elisabeth Thommen (Schweizerisches Literaturarchiv, Bern/Nachlass Hans Morgenthaler).
In den Rausch schreiben

Der erste Kontakt zwischen dem Verleger Egon Ammann und seinem künftigen Hausautor Thomas Hürlimann beginnt mit einer Irritation. Bei einem Aufenthalt in Berlin um 1980 will Ammann die Gelegenheit nutzen, sich mit Hürlimann spontan zu verabreden. Doch bekommt er auf Anfrage zunächst eine abschlägige Antwort: Es gehe erst abends, da Hürlimann tagsüber «feste Bürozeiten» einhalte. […]

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Schweiz gefehlt hat!»
Peter Stamm, Schriftsteller,
über den «Literarischen Monat»