Arno Camenisch: «Der letzte Schnee»

Arno Camenisch:
«Der letzte Schnee»

 

Georg und Paul arbeiten am Skilift. Sie warten sehnlichst auf Schnee. Chnuschtis sind beide, ansonsten gilt: Paul ist ein Plappermaul und Georg ein Schweiger. Mehr Charaktertiefe und Personal braucht Arno Camenisch in seinem neuen Buch «Der letzte Schnee» nicht. Auch nicht mehr Handlung; das Buch füllt sich, Plauderpaul sei Dank, ganz von alleine: Patent Camenisch.

Wunderbar sind die Stellen, an denen Camenisch mit den Lesegewohnheiten des Publikums bricht: «er leert vom Kaffee aus dem Thermoskrug in den Becher.» Solche Formulierungen wollen wieder und wieder gelesen werden, denn sie enthalten, was man als Leser sonst zu oft vermisst: eine gewisse Widerständigkeit, feine Haken, die sich in einem festkrallen. Wie hier auf engem Raum mit Wahrnehmungsroutinen gebrochen wird, gefällt. Leider bleiben solche Passagen Raritäten in einem Buch, welches das Kunstwerk vollbringt, zugleich wortkarg und geschwätzig zu sein.

Alles in allem gilt für das Büchlein, was Paul von seiner Frau Claire berichtet: «Der erste Eindruck ist ein Fluch, den wirst du nicht mehr los.» Der erste Eindruck, es abermals mit einem weiteren Camenisch zu tun zu haben, will nicht verfliegen. Natürlich ist das eine gefällige Art des Schreibens, aber man hat dennoch, nach den Büchern der Vergangenheit, gehofft, Camenisch käme über seine Formel «2 Käuze + Lokalkolorit – Handlung = 1 Buch» hinaus. Leider hat man sich verrechnet, genau wie der «Diskalkulant» Kristof, von dem Paul erzählt: er ist eine herrlich schrullige Figur, Stimmenzähler im Kantonsparlament, dem «die Zahlen im Kopf herum[schwirren] wie Vögel». Die Stimmenauszählung im Kopf des Rezensenten ergab ein Patt zwischen positiven und negativen Voten, mit einem leichten Vorsprung der Nörgler.

Während Camenisch in seinem letzten Werk «Die Kur» ebenfalls auf diese «Weltformel» setzte, fand man dort doch auch gesellschaftskritische Miniaturen von ätzender Bosheit: man entsinne sich nur des moralinsauren Tennisarm-Dorfpfarrers und wie mit ihm und seinen Ansichten zum Masturbieren herumgefuhrwerkt wurde. «Der letzte Schnee» hingegen plaudert und plätschert nur so vor sich hin: kurze Angaben zur Szenerie, gefolgt von schrulligem Dialog, dann entsinnt sich Paul einer ollen Kamelle und schon sind 99 Seiten rum.

Arno Camenisch: Der letzte Schnee. Basel: Engeler, 2018.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
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Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»