In den Rausch schreiben

Der erste Kontakt zwischen dem Verleger Egon Ammann und seinem künftigen Hausautor Thomas Hürlimann beginnt mit einer Irritation. Bei einem Aufenthalt in Berlin um 1980 will Ammann die Gelegenheit nutzen, sich mit Hürlimann spontan zu verabreden. Doch bekommt er auf Anfrage zunächst eine abschlägige Antwort: Es gehe erst abends, da Hürlimann tagsüber «feste Bürozeiten» einhalte. […]

In den Rausch schreiben
Abbildung 2: Hans Morgenthaler, Brief an Elisabeth Thommen (Schweizerisches Literaturarchiv, Bern/Nachlass Hans Morgenthaler).

Der erste Kontakt zwischen dem Verleger Egon Ammann und seinem künftigen Hausautor Thomas Hürlimann beginnt mit einer Irritation. Bei einem Aufenthalt in Berlin um 1980 will Ammann die Gelegenheit nutzen, sich mit Hürlimann spontan zu verabreden. Doch bekommt er auf Anfrage zunächst eine abschlägige Antwort: Es gehe erst abends, da Hürlimann tagsüber «feste Bürozeiten» einhalte. Der Autor lässt den Verleger also zunächst einmal abblitzen, um in Ruhe sein festgelegtes Tagespensum zu verrichten. Se non è vero, è ben trovato... Doch dürfte Ammann nicht bloss wegen dieser Unverfrorenheit «irritiert» gewesen sein, sondern auch angesichts des Umstandes, dass ein Schriftsteller seiner Tätigkeit offenbar in der Regelmässigkeit eines Beamten nachgeht. Widerspricht das nicht allen Klischees dichterischer Kreativität, die sich so schlecht mit gesellschaftlichen Konventionen verträgt? Festgelegte Arbeitszeiten? Um acht Uhr morgens den Stift anspitzen und punkt fünf Uhr nachmittags den Griffel niederlegen… Wo bleibt da die Inspiration?

Furor – der Mythos der Inspiration

Ob wahr oder erfunden, die Anekdote ist ex negativo ein Beleg für das verbreitete Bild schriftstellerischer Tätigkeit, die man sich nicht anders als aussergewöhnlich vorstellen kann: irgendwie inspiriert, obsessiv vielleicht, einem intrinsischen Schaffensdrang folgend. Dieses Bild wurde früh geprägt, in der griechischen Antike bei Platon als dichterische «Mania», später in der Renaissance als Furor poeticus. Schon Cicero bezog sich auf Platon mit der Devise, es gebe keine grosse Dichtung ohne poetischen Furor. Verbunden mit diesem Ausdruck war die Vorstellung, dass der Dichter von der Muse geküsst und von der Inspiration dermassen ergriffen wird, dass ihm die Verse mühelos, wie in einem unbewussten Taumel, aus der Feder fliessen. Er lässt lediglich ausströmen, was ihm von oben diktiert wird. In der Renaissance-Ikonographie wurde der inspirierte Dichter entsprechend mit geflügeltem Haupt und entrücktem, zum Himmel gewandtem Blick dargestellt (siehe unten). Er braucht das Auge nicht auf die Schreibtafel zu fixieren, wenn ihm der poetische Furor die Feder von alleine führt.

 

Auch wenn heute niemand mehr an Musenküsse und göttliche Eingebung glaubt, so bleibt die Vorstellung von ekstatischen Momenten im literarischen Schreibprozess unter säkularen Vorzeichen bis in die Gegenwart erstaunlich präsent. Noch Friedrich Nietzsche erklärte den Rausch als Ausser-sich-Sein zur physiologischen Vorbedingung des Künstlers. So verwundert es kaum, dass die Rede vom Schreibrausch immer wieder literarische Texte begleitet, um ihnen eine gewisse Exklusivität zu verleihen oder auch nur die seit der Antike geläufige Erwartung…

Es schreibt.

Was haben wir dem Geniekult nicht alles zu verdanken. Schiller und Goethe in Endlosschlaufen. Die Erwartung an Schriftstellerinnen und Schriftsteller, ihre Texte in nächtlichen Schaffenseskapaden eher zu entbinden als zu schreiben. Schreibpornographische Anwandlungen, zelebriert auf Social Media: Stapel handschriftlich vollgesudelter Blätter auf allen Timelines. Die Vorstellung eines ungestümen Schreibrauschs, der sich auf unausgeschlafene Schreiberinnen und […]

Einmalig leicht

Schreiben – ein Rausch? Schreiben ist eine Qual. Begleitet von Zweifeln an mir und Zweifeln an der Sache. Ich steige nur ungern in diesen dunklen Keller hinab. Ich tue es, weil Glanz, Ruhm und Geld die Mühen wert sind. Einen Schreibrausch habe ich ein einziges Mal erlebt. Er dauerte von Februar bis August im Jahr […]

In den Rausch schreiben
Abbildung 2: Hans Morgenthaler, Brief an Elisabeth Thommen (Schweizerisches Literaturarchiv, Bern/Nachlass Hans Morgenthaler).
In den Rausch schreiben

Der erste Kontakt zwischen dem Verleger Egon Ammann und seinem künftigen Hausautor Thomas Hürlimann beginnt mit einer Irritation. Bei einem Aufenthalt in Berlin um 1980 will Ammann die Gelegenheit nutzen, sich mit Hürlimann spontan zu verabreden. Doch bekommt er auf Anfrage zunächst eine abschlägige Antwort: Es gehe erst abends, da Hürlimann tagsüber «feste Bürozeiten» einhalte. […]