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Ist das Literatur – oder kann das weg?

Ein Intro
Von Susann Klossek

Wer den Trash nicht zu schätzen weiss, ist die anspruchsvolle Literatur nicht wert. Wer hat das gesagt? Ich. Trash hat ebenso eine Daseinsberechtigung wie jede andere Art von Literatur, ob sie sich nun Erotica oder Pulp nennt, Pop oder Beat – oder ihr hochkulturelle Weihen zuteilwerden, woraufhin sie dann unter «Kunst» firmiert – eben weil es jemand als solche bezeichnet hat. Die eindeutige Trennung von Unterhaltungs- und anspruchsvoller Literatur ist ein vor allem deutschsprachiges Phänomen, im angloamerikanischen Raum existiert sie praktisch nicht. Was unterhält und sich verkauft, hat dort seine Berechtigung, auch wenn es künstlerisch vielleicht als weniger wertvoll eingestuft wird. Wer hat recht?

Ich bin in der DDR aufgewachsen. Dort wurden ab den 1950er Jahren in den Schulen Belehrungen über das Verbot von Schmutz- und Schundliteratur, mit Androhung von Strafe für Zuwiderhandelnde, durchgeführt (in der Schweiz passierte Ähnliches). Für die sozialistische Obrigkeit gehörten zu dieser Literaturkategorie unter anderem verlogen-sentimentale Liebesromane sowie moralisch «gefährliche» Gangstergeschichten. Sogenannte «schlechte Hefte» wurden verbrannt oder vergraben. Doch Verbotenes ist bekanntlich doppelt begehrenswert, der Schwarzmarkt für Schundware blühte. Ich persönlich habe mir, träge auf der Hollywoodschaukel vor mich hindümpelnd, stapelweise Arztromane reingezogen, die meine Oma heimlich auf dem Dachboden hortete. Sehr zum Leidwesen meines Vaters, der davon überzeugt war, dass der Schund meiner Verblödung nur weiteren Vorschub leisten würde. Was so falsch nicht war.

Aber was gibt es Schöneres, als Geist und Verstand abzuschalten und nach ein, zwei Gin Tonics in einen Groschenroman einzutauchen? Schlecht geschrieben von einem Arzt, dem irgendwann die Patienten abhandengekommen sind. Ein Rollstuhlfahrer kurz vor der Spontanheilung sollte unbedingt dabei sein. Besser noch eine Rollstuhlfahrerin, die durch die Zauberhände des attraktiven Dr. Eckehart Meyer – der Arzt, dem die Frauen wirklich vertrauen – auf wundersame Weise geheilt wird. Nach Intrigen seitens ihrer Konkurrentinnen – Verführung des Doktors, ein missglückter Säureanschlag auf die Gelähmte – und noch mehr Leid aufgrund tragisch-blöder Fehltritte des Medizingenies – eine verfrühte Heirat mit einer Börsenmaklerin, eine wilde Affäre mit dem brasilianischen Anästhesisten und dessen minderjährigem Halbbruder; Pädophilie-Vorwurf! – endet der Roman vor dem Traualtar, wo der Pfarrer, statt sein «Sie dürfen die Braut jetzt küssen» aufzusagen, rührselig die Hände gen Himmel weist mit den Worten: «Ein Wunder, oh Herr, sie kann wieder gehen!» Halleluja, Ende, aus.

Nun, Schundverbote gibt es glücklicherweise nicht mehr. Die Definition von Trash hat sich ebenfalls geändert. Schund steht nun vor allem für literarisch minderwertige Qualität: simple Sprache, simple Geschichten. Trash, im Sinne von Abfall, das sind denn ja auch Reste, die bei der Zubereitung oder Herstellung von etwas entstehen. Diesem Begriff werden viele Bücher – als mentaler Restmüll – durchaus gerecht. Ja mehr noch: ein hoher Anteil der heute den Markt überschwemmenden Trivialliteratur müsste konsequenterweise als Trash bezeichnet werden. Böse Zungen behaupten gar, die Literatur passe sich – Paulo Coelho und Dan Brown winken beim Dreier mit E.L. James über den Gartenzaun – dem Niveau ihrer Leserschaft an. Ich selbst rezensiere für ein grosses Magazin Bücher, die auf der «Spiegel»-Bestsellerliste stehen, und kann durchaus verstehen, dass es Leser gibt, die die Liste anders verwenden als intendiert: Was draufsteht, kommt eben garantiert nicht ins Haus.

Hier und da mag man anlässlich der gebotenen Ware sogar wieder mit einem Verbot liebäugeln, vielleicht reichte es aber schon, viele zeitgenössische Kassenschlager öffentlich als das zu bezeichnen, was sie sind: Schund. Nur: wer darf das eigentlich? Wer masst sich an zu definieren, was wertvoll ist? Auch Werke von D.H. Lawrence («Lady Chatterley’s Liebhaber»), Vladimir Nabokov («Lolita») und Henry Miller («Wendekreis des Krebses») standen einst auf dem Schund-Index – heute zählen sie zur Weltliteratur. Georges Simenon wurde seine schmuddeligen Anfänge und den Ruf des Maigret-Massenproduzenten nie ganz los. Selbst Mark Twain wurde von Kritikern Primitivität vorgeworfen, und von dessen «Huckleberry Finn» stammt immerhin die gesamte moderne amerikanische Literatur ab, will man Hemingway Glauben schenken.

Und dann ist da noch der Trash zweiter Ordnung: Schund von Autoren, die sonst «bessere» Texte schreiben (wollen), sich aber, mal augenzwinkernd, mal durchaus ernsthaft, auch für weniger goutierte Genres und Formen interessieren und diese – z.T. ironisch gebrochen – durchaus mit einem sprachlichen Anspruch selbst herstellen. In der Schweiz erfreuten sich derartige Umtriebe jüngst auffälliger Beliebtheit: Sowohl der Verlag die brotsuppe als auch das Literaturmagazin «Das Narr» haben 2017 ganz ungeniert mehrteilige Schund-Hommagen auf den Markt gebracht, erstere übrigens verfasst von Absolventen des Schweizerischen Literaturinstituts. Ist das nun noch Schund oder doch – Literatur?

So oder so: die zwei elementarsten Fragen zur Schundliteratur lassen sich immerhin recht eindeutig beantworten: Wer druckt das Zeug? Und wer wird es lesen? Millionen, liebe Literaturfreunde, Millionen!!!


Susann Klossek
ist Schriftstellerin und Journalistin. Zuletzt von ihr erschienen: «Der Mann im gelben Kleid – Hohelied der Flughunde» (Freiraum, 2016). Sie lebt in Thalwil.




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