Editorial

Liebe Leserinnen und Leser Meine Mutter schreibt ihre SMS auf Schweizerdeutsch – und schliesst sie gern mit «Schmötzli, Mami» ab: «Küsschen, Mama». Wie Mütter das so tun. Nur: ihr Handy kennt keine Solothurner Küsschen. Und so schickt mir Mami manchmal: «Schmutzliteratur». Man fragt sich, wie um Himmels willen dieses Wort sich in den Wortschatz des […]

Liebe Leserinnen und Leser

Meine Mutter schreibt ihre SMS auf Schweizerdeutsch – und schliesst sie gern mit «Schmötzli, Mami» ab: «Küsschen, Mama». Wie Mütter das so tun. Nur: ihr Handy kennt keine Solothurner Küsschen. Und so schickt mir Mami manchmal: «Schmutzliteratur».

Man fragt sich, wie um Himmels willen dieses Wort sich in den Wortschatz des digitalen Zeitalters gemogelt hat. Ein Wort von gestern für eine Lektüre von vorgestern. Schmutz- und Schundliteratur, Heft- und Groschenromane, gibt es das überhaupt noch?

Als der Verlag die brotsuppe und das Magazin «Das Narr» Ende des vergangenen Jahres fast gleichzeitig vielteilige «Hommagen an den Schund» herausbrachten und bei den Literaturfestivals BuchBasel und «Zürich liest» explizit schlechte Literatur in eigenen Lesungen zelebriert wurde, stellte sich die Frage ganz anders: Haben wir es mit einem Revival zu tun? Und: wenn «bessere» Autoren Schundromane verfassen – ist das dann Literatur? Oder umgekehrt: ist es legitim, bestimmte Genres, Erzählformen und Sprachstile vom hohen Ross herab abzuqualifizieren? Ich darf Ihnen sagen: Es gibt angenehmere Aufgaben, als Menschen dazu zu bewegen, aus der Praxis der schlechten Literatur zu berichten. An einzelnen Formulierungen in Autorenanschreiben sassen wir zwei Stunden oder länger. Aber: es hat sich gelohnt! Zum Beispiel für den mutigen Beitrag von Bestsellerautorin Blanca Imboden oder für Daniel Kampas Porträt Georges Simenons, der wie kein zweiter in beiden literarischen Welten – hoch und tief – zu Hause war.

Apropos Hochkultur: zum vierten Mal präsentieren wir Ihnen in dieser Ausgabe auch die Schweizer Literaturpreisträgerinnen und -preisträger (hier). Besonders möchte ich Ihnen unseren begleitenden Online-Schwerpunkt ans Herz legen, zu dem die Ausgezeichneten exklusive Texte beigesteuert haben. Gute Lektüre!

Und noch ein Hinweis in eigener Sache: Sie sehen hier etwas unvermittelt (m)ein neues Gesicht. Seit Anfang 2018 bin ich als Kulturredaktor beim SMH-Verlag Hauptverantwortlicher für den «Literarischen Monat». Michael Wiederstein bleibt Ihnen und uns als Chefredaktor erhalten, ich hoffe aber, ihn bestmöglich entlasten zu können. Sie wollen auch Ihren Teil dazu beisteuern? Melden Sie sich!


Die Texte unseres Schwerpunkts finden Sie unter den folgenden Links:

Ist das Literatur – oder kann das weg?
von Susann Klossek

Verlogenes Pack
von Philipp Theisohn 

Confoederatio Trivialis
von Stephan Bader 

Man sagt, ich schreibe Kitsch
von Blanca Imboden

Wie man Kioskromane salonfähig macht
von Nora Zukker

Babys fressen und so
von Gion Mathias Cavelty

Von der Gosse zu den Plejaden
von Daniel Kampa

Hungerbühler & die Tote vom Strand
von Paplo Haller

Die Kunst der Kunstlosigkeit
von Felix Philipp Ingold

Kehrichtverwertungsstube
von Vanni Bianconi