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Christoph Braendle:
«Das Wiener Dekameron»

 

Über Sex zu reden, gilt zu Beginn unseres Jahrtausends ja bereits wieder als reaktionär, schliesslich wissen wir dank Michel Foucault, dass der Diskurs über die körperliche Lust von der Beichte über die erotische Literatur bis zur Psychoanalyse nur scheinbar der sexuellen Befreiung dient. Dieses Verdikt trifft zweifellos einen Grossteil unserer schlüpfrigen Bestseller – von Catherine Millet bis Charlotte Roche. Wahre Avantgarde ist heute Arrièregarde. Der in Wien lebende Schweizer Schriftsteller Christoph Braendle legt – wie 1928 schon Oskar Maria Graf mit dem «Bayrischen Dekameron» – ein Remake von Boccaccios berühmtem «Decamerone» (verfasst um 1350) vor. Bei Boccaccio flüchten sich sieben junge Damen und drei Jünglinge vor der Pest in ein Landhaus bei Florenz, um sich während zehn Tagen je zehn ketzerische oder frivole Geschichten zu erzählen. Auch bei Braendle liegt die Gesellschaft darnieder, aber die tödliche Seuche heisst Habgier und Neid. Es ist auch keine «Jeunesse dorée», die sich erzählend vom Elend ablenkt, es sind reifere Herrschaften in einem Altersheim auf dem Rosenhügel zu Wien.

Nichtsdestoweniger haben es die «schönen, wilden, schlimmen Geschichten» (leider etwas weniger als 100) in sich. Es sind bald ganz alltägliche, bald höchst wunderwürdige Episoden, die auf anrührende, amüsante oder erregende Weise davon Zeugnis ablegen, dass sich Männlein wie Weiblein noch so besonnen in das schmucke Kleid wohlanständiger Bürgerlichkeit hüllen mögen – darunter brodeln doch die Triebe. Vom ehrbaren Advokaten bis zur gestrengen Ärztin – alle wecken sie die «Monster», die «zweifellos immer in ihrer Fantasie gewohnt, aber tief geschlafen» haben.

Wahlwiener Braendle schwelgt im Lokalkolorit, führt uns durch legendäre Lustpfuhle wie das Cabaret Renz, das Hotel Orient, Otto Mühls Kommune oder die vom Schweizer Künstler Christoph Büchel in einen Swinger-Club verwandelte Secession und enthält uns die Entjungferung eines schüchternen Jünglings auf dem Riesenrad im Wurstlprater nicht vor. Zum Figurenkabinett gehören Franz Schubert, die Wilde Wanda und der Frauenwürger und Knastpoet Jack Unterweger ebenso wie der Hochstapler und Mörder Udo Proksch (Fall Lucona) oder der schwergewichtige Kolumnist und Masochist Hermes Phettberg, der bei Braendle als «fetter Fenz» auftritt.

Christoph Braendle hat die Wiener Monster stilvoll porträtiert. Kein spektakuläres, aber ein vergnügliches Buch voller charmant-perverser Betthupferl für Liebeslüsterne, die sich von Foucault partout den Spass nicht verderben lassen mögen.

Christoph Braendle: Das Wiener Dekameron. Wien: Metroverlag, 2011.

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