Col du Marchairuz

Wenig fördert den Appetit zuverlässiger als das frühstückslose Wandern. Das zeigt sich auch an jenem Vormittag, als wir, nach einer Nacht im Zelt, vom Mont Tendre zum Col du Marchairuz unterwegs sind. Spätvormittags endlich vor einem Gasthaus stehend, zwei schwere Rucksäcke auf dem Rücken, zwei trockene Münder im Gesicht, ist rasch klar, dass allein eine […]

Col du Marchairuz
photographiert von Beat Schweizer

Wenig fördert den Appetit zuverlässiger als das frühstückslose Wandern. Das zeigt sich auch an jenem Vormittag, als wir, nach einer Nacht im Zelt, vom Mont Tendre zum Col du Marchairuz unterwegs sind. Spätvormittags endlich vor einem Gasthaus stehend, zwei schwere Rucksäcke auf dem Rücken, zwei trockene Münder im Gesicht, ist rasch klar, dass allein eine grosse Croûte au fromage unseren Hunger wird stillen können. Meine Gefährtin und ich sind diesem Westschweizer Urgericht bereits anderswo begegnet: Gratiniert finden hier Brot und Käse zu einer währschaften, nahrhaften Einheit.

Das Restaurant an der Passstrasse ist bei Wanderern, Radrennfahrern und motorisierten Touristen gleichermassen beliebt, die Terrasse gut besetzt. Dass drei verschiedene Croûtes angeboten werden, das Personal bei der Croûte au fromage du Mont Tendre aber stets nachfragen muss, ob sie ohne Schinken oder ohne Ei geliefert werden solle, macht die Arbeit im Service nicht leichter. Wir bestellen die Variante ohne Schinken und beobachten dann die zwei Wanderer, die an einem benachbarten Tisch umständlich ihren Campingkocher in Betrieb nehmen. Niemand nimmt Anstoss daran. Entweder schreiben die Waadtländer das Laisser-faire derart gross – oder das Personal ist froh, wenigstens zwei Gäste zu haben, die keine Arbeit machen. Alsbald trägt die Kellnerin unsere Croûtes auf, wünscht guten Appetit und eilt davon. Die Portion ist riesig, glücklich greifen wir zur Gabel. Aber dann steht die Kellnerin schon wieder vor uns, gibt uns in kleinen Tellern die Eier dazu – und verschwindet wieder. Die Eier scheinen bloss flüchtig angebraten; unsicher untersuchen wir sie. Und kurz bevor wir sie auf unsere Teller hieven, tritt die Kellnerin abermals an unseren Tisch: «Pardon! Niemand weiss, ob dies eine Croûte ohne Schinken ist!» Sie packt meine Gabel, stochert in meinem noch unberührten Gericht herum, bis sie erleichtert aufatmet: «Nein, kein Schinken – bon appétit!»

Croûtesgestärkt wandern wir dahin, durch beinahe endlos sich dehnende, sanft coupierte Wälder, durch Weideland, das konturiert wird allein von Trockenmauern, in deren Unterhalt noch immer riesige Mengen von Geduld fliessen. Auf einer Lichtung begegnen uns hochaufragende Weidenröschen, von denen ich einige Blätter abzupfe. Daneben wächst Schafgarbe, deren leuchtend weisse Blüten ebenfalls essbar sind. Auch die nehme ich mit – zum Schmuck unseres Abendessens. Leider beginnen wir zu spät, nach einem Zeltplatz zu suchen: Nun ist der Wald dicht, auf den angrenzenden Weiden steht hinter Strom das Vieh. Mich umschauend, gönne ich mir einige Weidenröschenblätter und freue mich über deren scharf-minzenen Geschmack, den ich vergnügt mindestens eine halbe Stunde auf der Zunge trage.

Kurz vor St-Cergue entdecken wir endlich einen lockeren Waldsaum, der zwar zu einer Weide gehört, die Rinder aber grasen weit entfernt. Wir stellen das Zelt auf, bereiten in der Dämmerung einen Curryreis zu und streuen, als der fertig ist, die weissen Blüten hinein. Die Dekoration ist der vorrückenden Dunkelheit wegen annähernd unsichtbar, aber der Geschmack der Schafgarbe muss mild sein: im Curry geht er vollkommen unter.

Allmählich treten die Rinder näher, kommen Schulter an Schulter, Schritt um Schritt, in Intervallen von mehreren Minuten ihre Scheu überwindend, bis zu uns. Kommen so nah, dass ihre Nasen die Zeltwand berühren. Dann machen sie alle kehrt, um für den Rest der Nacht im Mondlicht zu kauen, was sie tagsüber bereits gekaut haben.

Empfindlich gestört wird unser Schlaf nicht etwa von Bauchschmerzen oder Rindern, sondern von der musikalischen Fernwirkung des Paléo-Festivals; das ist schön, denn so ist diese Idylle nicht schrecklich perfekt.