Come fly with me: Bern–Schaan: 2 Stunden, 22 Minuten

Micieli reist

Der IC hält nie in Olten. Nur diesmal bleibt er stehen. Nichts geht mehr. Ich sitze im SBB-Restaurant, als ein lautes Klopfen unter mir ertönt. Die Frau gegenüber sagt, schon gestern habe es hier geklopft. Sie trägt enge Trainingshosen und eine sehr farbenfrohe Sportjacke. Wir schauen uns beruhigt an. Ich lese weiter, «Inselreise» von Corinna Lanfranchi in der Collection Montagnola. «Inseln bieten keine Fluchtmöglichkeit, schon gar nicht ohne Boot. Inseln sind Gefängnisse.»

Der Zug steht. Es zischt. Nichts bewegt sich. Die Notbeleuchtung lässt uns blass aussehen. Die Sportliche bleibt cool. Ich versuche es. Aber zum TREIBHAUS-Finale in Liechtenstein will ich nicht zu spät kommen. «Jetzt erwache ich zum dritten Mal. Der dämmernde Morgen liegt über dem Meer. Ich warte auf die Sonne.» Und plötzlich geht alles ganz schnell: Die Türen öffnen sich, eine Stimme sagt, der Ersatzzug fahre auf Gleis 4. Einige Schritte lang fühle ich mich sogar ganz sportlich, trotzdem verliere ich meine Begleiterin in der Menge. Schade. Ich hätte schon noch ein paar Fragen gehabt. Zu den roten Joggingschuhen, die aus der Tasche lugten.

«Heute habe ich mich dabei ertappt, dass ich mich nach dem Festland sehne. Ich schlendere dem Strand entlang, schaue in den Himmel, schaue in die Ferne, sehe blaues Wasser, sehe den Horizont.» Als ich in Zürich umsteige, sehe ich die roten Schuhe, weiter vorne, will aber nicht rennen, habe ein gebügeltes weisses Hemd an, muss nachher auf die Bühne. Ich steige in einen Zug, der sich Railjet nennt und so tut, als wäre er ein Flugzeug. «In diesem Moment begreife ich, dass man weggehen muss, um Dinge bewahren zu können.» Der Schaffner ist überfreundlich. Alltag raus, Österreich rein! -Vielleicht zeigt er uns die Notausgänge und die Schwimmwesten. Im Abteil sitzt bereits Hildegard, dann kommt Michael. Und bald schreibt Serena, sie werde uns, die im Jet zu ihr Hinfliegenden, nach der Landung in Buchs abholen und über das Wasser nach Liechtenstein begleiten. Reif für die Insel.


Francesco Micieli
ist Schriftsteller und hat auf Reisen stets ein Buch für uns dabei. Zuletzt erschienen: «Der lachende Zahn meiner Grossmutter. Dresdner Poetikvorlesungen» (w.e.b., 2015).