Das Fusstuch, das Kamel und der Fingerhut

Hildegard Elisabeth Keller: Trilogie des Zeitlosen. Hörbuchreihe in 3 Bänden. Zürich: vdf, 2011.

Das Fusstuch, das Kamel und der Fingerhut

«Was haben Brunnenfrösche und Menschen gemeinsam?», fragt der chinesische Philosoph Zhuangzi. Die Antwort ist nicht gerade schmeichelhaft: «Sie sitzen beide als Alleinherrscher in ihrem Wasserloch.»

Vor provokanten Fragen schrecken die mystischen Denkerinnen und Denker, die die Literaturprofessorin Hildegard Elisabeth Keller in ihrer Hörbuchtrilogie zusammenbringt, nicht zurück. In ihren Augen sind Menschen genauso gut wie ein Mistwurm oder ein zerbissener Fusslappen in der Schnauze eines Hundes. Sie sprengen hierarchische Denkordnungen auf; klein und gross, bedeutend und unbedeutend verkehren sich. Heinrich Seuse und die Nonne Elsbeth Stangl, Meister Zhuangzi und Meister Eckhart, Hildegard von Bingen, Mechthild von Magdeburg, Hadewijch und Etty Hillesum sprechen über dieses und jenes, über Nahes und Fernes – und dabei doch immer über das Eine, Göttliche. Unmerklich und mit solcher Leichtigkeit, dass das Zuhören eine Freude ist, führen ihre Stimmen vom Konkreten zum Unsagbaren.

Die Trilogie des Zeitlosen zelebriert das Unkonventionelle mystischen Denkens. «Wer sich von den tausend Dingen der Welt befreit, der lässt Rezepte fallen» (Zhuangzi). Die Freiheit von Rezepten macht die eigenwillige Kreativität mystischer Sprache erst möglich. Und Hildegard Keller macht sie hörbar. Beim Zuhören gewinnt diese Sprache Lebendigkeit und Farbe. Dazu tragen zum einen Passagen in fremd-vertrautem, kernig-witzigem Mittelhochdeutsch bei. Zum anderen ist die Trilogie als Dialog konzipiert. Jedes Hörspiel bildet ein nur von Musik unterbrochenes Gespräch: In Die Stunde des Hundes erzählt Heinrich Seuse Elsbeth Stangl sein Leben als eine «Schule der Gelassenheit». Dieses erste Hörspiel ist etwas lang geraten. In Das Kamel und das Nadelöhr begegnen sich der östliche Meister Zhuangzi und der westliche Meister Eckhart über Kulturen hinweg. Ihr Dialog lebt von der Spannung des Unerwarteten und von prägnanten Gleichnissen, bevölkert von Schildkröten, Kamelen und Fröschen. Den Abschluss und Höhepunkt bildet Der Ozean im Fingerhut. Vier Frauen, drei Mystikerinnen des Mittelalters und eine aus dem 20. Jahrhundert, finden hier zu einem zwanglosen Gespräch zusammen. In freundschaftlichem Ton plaudern sie über Themen wie Schreiben, Verfolgung, Liebe und Spiritualität. Beim Zuhören überlässt man sich gern den Wellen ihres Gesprächs, verliert sich darin und findet sich wieder. Es ist beeindruckend, wie leicht sich die ganz grossen Fragen stellen lassen – und wie zeitlos mittelalterliche Texte wirken.

Als Gegenstück zur Leichtigkeit des Hörerlebnisses bieten die sorgfältig gestalteten CD-Booklets intellektuelle und visuelle Vertiefung. Zumeist gut lesbare Aufsätze vermitteln Hintergrundwissen zu Personen und historischen Kontexten, ergänzt von vielen farbigen Abbildungen. Heiter rufen uns diese kleinen Gesamtkunstwerke zu: Keine Angst vor Mystik! – Man kann dabei sowieso nur scheitern. Denn: «Über Gott zu reden, das ist, wie wenn man versuchen würde, einen Ozean in einen Fingerhut zu füllen.»