Dieter Zwicky: «Hihi – mein argentinischer Vater»

Dieter Zwicky:
«Hihi – mein argentinischer Vater»

 

Abenteuerlust ist dringend geboten, wenn man sich auf Dieter Zwickys neueste Erzählung «Hihi – mein argentinischer Vater» einlassen will. Denn diese löst vieles aus – Ratlosigkeit, Euphorie, Kopfschmerzen, Lachtränen: und zwar alles aufs Mal. Ausgangspunkt der Erzählung ist, wie der Autor insistiert, ein Jobangebot aus Argentinien, das Zwickys leiblicher Vater einst ausschlug. Hier kommt das «Hihi» des Titels her. Denn Zwicky macht sich in seinem neuen Buch einen Heidenspass daraus, seinem Vater ein argentinisches Leben zu erfinden. Absurd komische Momente und Formulierungen dominieren, beispielsweise, wenn Zwicky sich vorstellt, den literarischen Vater «anzuheben und flugs in den nächsten Mauerwinkel zu klemmen; und ihn dort einfach zu lassen!» Es sickern aber auch viele liebevoll gezeichnete Vaterbilder durch, die sich zur Hommage verdichten. «Lächelt Vater? Atmet er überhaupt? Ja, er lächelt, über Dinge. Über Dinge ohne jedes Gewicht.» Diese gewichtslosen Dinge – das fängt bei den zitronengelben Unterhosen auf dem Umschlag an! – sind die wahren Protagonisten des Buches, der Kern von Zwickys Prosa. Solche in den unverwechselbaren Zwicky-Sound gehüllte Banalitäten bereiten einem zeitweise Kopfschmerzen und erhöhen die Gefahr, sich vollends in diesem zugleich mit dem Tele- und dem Mikroskop geschriebenen Buch zu verlieren. Auch die skurrile Zusammenhangslosigkeit des Buches muss man aushalten können. Und wollen. Geduld und Aufmerksamkeit sind weitere unabdingbare Voraussetzungen für die Lektüre von «Hihi». Vor allem Zwickys durchkomponierte, teils unabsehbar lange Satzgebilde überfordern bei allzu routinierter Lektüre. Aber lesen wir nicht darum – um mit Leseroutinen zu brechen?

Die reinste Aufforderung zum Bruch mit solchen Routinen sind Zwickys Liveauftritte – nicht umsonst wurde er dieses Jahr in Klagenfurt mit dem Kelag-Preis ausgezeichnet. Man spürt seine Leidenschaft, seine Experimentierlust und seinen Formulierungsmut, wenn er mit Alliterationen, Wiederholungen, Lautmalereien und Wortkreationen seine Erzählung zum irrwitzigen, poetischen Singsang macht. Das ist ebenso lesens- wie hörenswert.

Was von der lauten oder leisen Lektüre bleibt? Eine – man sehe mir den Kalauer nach! – verzwickte Hassliebe und unbändige Lust, die literarische Komfortzone zu verlassen. Nicht nur beim Lesen. Auch beim Schreiben.

Dieter Zwicky: Hihi – mein argentinischer Vater. Wädenswil: edition pudelundpinscher, 2016.

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Peter Stamm, Schriftsteller,
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