Der graphische Roman?

Graphic Novel: Geschichte, Anatomie und Aufstieg eines umstrittenen Gattungsbegriffs

Der graphische Roman?
David B.: Die heilige Krankheit. Bd. 1+2. Zürich: Edition Moderne, 2012. Jacques Tardi: Grabenkrieg. Zürich: Edition Moderne, 2002.

Bis vor kurzem subsumierten die meisten kulturaffinen Zeitgenossen unter dem Begriff «Comic» Figuren wie Superman, Fix und Foxi, Donald Duck, Asterix, allenfalls auch Tim und Struppi. Genre-Serien also mit festem Personal und einer je nach Qualität der Serie hohen Dichte an Stereotypen und Formeln. Und natürlich waren die Titelhelden weit bekannter als ihre Schöpfer.

Tatsächlich war das Konzept der Autorschaft in weiten Bereichen des Mainstream-Comics nicht sehr verbreitet. Das hat sich im Lauf der letzten rund 25 Jahre allerdings geändert. Plötzlich tauchten neben immer neuen und immer gleichen Asterix- und Superman-Abenteuern Comics über das Aufwachsen im Iran der Ayatollahs, über Hiroshima und den Holocaust auf, es erschienen Reportagen aus dem Gazastreifen und aus Nordkorea, es erschienen auch autobiographische Alltags- und Lebensgeschichten, Essayistisches und vieles mehr. Auch literarisch erlebte der Comic eine Erweiterung seiner Ausdrucksmöglichkeiten dank des Einzugs anspruchsvoller Inhalte, moderner Erzähltechniken und individueller Zeichenstile. Viele Comic-Schaffende haben erkannt, dass Comics nicht notgedrungen formelhafte und serielle Genre-Literatur sind, sondern eine künstlerische Ausdrucksform, die jede Art von Inhalt und Botschaft adäquat vermitteln kann. Und plötzlich hiessen Comics nicht mehr «Comics», sondern «Graphic Novels».

Jüdische Moritaten

 Den Gattungsbegriff «Graphic Novel» – graphischer Roman – prägte der Altmeister Will Eisner, als er 1978 unter dem Titel «Ein Vertrag mit Gott» seine ersten jüdischen Moritaten aus dem New York der Dreissigerjahre vorlegte. Mit dieser definitorischen Abgrenzung zum Comic hoffte er, eine erwachsene Leserschaft anzusprechen, die mit Superhelden nichts am Hut hatte, jedoch womöglich offen war für nichtkomische gezeichnete Geschichten über die jüdische Kultur, über Einwanderung und ethnische Vorurteile, über persönliche und wirtschaftliche Depressionen, über Liebe und Herzschmerz und auch über Gott. 

Bis heute fehlt jedoch eine exakte und verbindliche Definition von «Graphic Novel». Vereinfacht lässt der Begriff sich vielleicht am besten so einkreisen: Eine «Graphic Novel» ist eine nichtserielle, sondern abgeschlossene Geschichte mit einem gewissen inhaltlichen, erzählerischen und künstlerischen Anspruch, die sich vor allem an eine erwachsene Leserschaft wendet. Ausserdem entstehen die meisten Graphic Novels nicht in der klassischen Teamarbeit eines Texters mit einem Zeichner, sondern werden von einem einzelnen Autor geschrieben und gezeichnet.

Der Begriff «Graphic Novel» ist in der Szene sehr umstritten, doch er entpuppte sich als ein geniales Marketinginstrument: Wer «Comics» als etwas betrachtete, das unter seiner Würde lag, liest heute «Graphic Novels».

Der Urknall

 Die Debatte über Sinn und Unsinn dieses und anderer neuer Gattungsbegriffe ist jedoch ein Nebenschauplatz. Weit wich-tiger ist, dass der Comic sich in den letzten gut 25 Jahren tatsächlich verändert hat: Er hat sich inhaltlich und ästhetisch geöffnet und leistet heute Dinge, die ihm früher niemand zugetraut hätte. Der Beginn dieser Entwicklung ist nicht einfach zu bestimmen, denn natürlich entstanden im Lauf der letzten 180 Jahre Comicgeschichte seit dem Genfer Pionier Rodolphe Töpffer immer wieder grossartige Kunstwerke. Um die heutige Situation zu verstehen, muss man aber den Moment finden, in dem nicht nur solitäre Künstler, sondern die Protagonisten einer ganzen Szene den Schritt von Dienstleistern und Verlagsangestellten zu selbstbewussten Autoren machten. 

Dieser Urknall fand in den späten Sechzigerjahren in San Franciscos Underground-Comix-Szene statt. Parallel zum gesellschaftlichen Aufbruch erfanden Künstler wie Robert Crumb, Bill Griffith, Gilbert Shelton und S. Clay Wilson den Comic neu: Als erste nutzten sie ihn als Mittel zum persönlichen Ausdruck, sie sprachen an, was ihre Leserinnen und Leser beschäftigte – Sex, Drogen, Rock’n’Roll und Politik –, und schreckten nicht vor autobiographischen Enthüllungen zurück. Und das alles umgesetzt in eine Bildsprache, die lockerer, wilder, experimenteller und manchmal auch dilettantischer war als im Mainstream-Comic. Damit bewiesen sie, dass Comics auch anders sein konnten: erwachsener, subversiver und persönlicher. 

Mäuse und Masken

 Auch Art Spiegelman machte sich in der Underground-Szene als Zeichner und Autor einen Namen. Als den Underground-Comix die Puste ausging, kehrte er nach New…