Spitznamen – oder: Nomen omen est?

Wortwitze und Spitznamen, Sprachscherze und Anspielungen sind ein grandioses Spielmaterial für unseren Geist. Aber nur so lange, wie die davon Betroffenen mitlachen können. Die moralisch einwandfreieste Art des Lachens bleibt die Selbstironie.

Spitznamen – oder: Nomen omen est?
Iso Camartin, photographiert von Suzanne Schwiertz.

François Bondy pflegte zu sagen: «Über alles darf man sich lustig machen, nur nicht über den Namen, den jemand trägt. Denn dafür kann einer nichts. Merke es dir: Über Familien-
namen kalauert man nicht!» – Der Menschheit aber ist nichts heilig, und sie vergnügt sich nicht nur, indem sie vom Namen auf Charaktereigenschaften schliesst, sondern sich auch noch im Erfinden von Spitznamen als übereifrig, einfallsreich und gleichzeitig als abgrundtief boshaft erweist. In traditionellen Dorfgemeinschaften, wo es häufig zahlreiche Personen mit identischem Familiennamen und Vornamen gab, hatten Spitznamen oft eine Unterscheidungsfunktion, die durchaus ihren praktischen Sinn hatte. Trugen mehrere Personen den Namen des Heiligen, dem die Pfarrkirche gewidmet war, und dazu einen im Dorf häufigen Familiennamen, so waren zusätzliche Bezeichnungen notwendig, um Verwechslungen zu vermeiden. Es brauchte also Beinamen, und diese hatten in der Regel ihren Ursprung in der Spottlust und in der Schadenfreude, nicht in der Menschenliebe und im Respekt vor anderen.

Natürlich gibt es auch Spitznamen, die geradezu als Ehrentitel gelten. Wenn der berühmteste Juwelendieb der Côte d’Azur den Beinamen «The cat – Die Katze» trug, wie wir aus Hitchcocks Film «Über den Dächern von Nizza» (Originaltitel: «To Catch a Thief») wissen, so war das in aufrichtiger Bewunderung gesagt für jemand,  der wie eine schwarze Katze in der Nacht bei seinen Untaten unsichtbar blieb und tagsüber als Unschuldslamm auf einem Lehnstuhl vor Behagen vor sich hindöste. Hiess jemand «Peter der Grosse» oder «Iwan der Schreckliche», so entstand der Beiname nicht nur, um den Herrscher von weniger bedeutenden Vorgängern oder Nach-folgern zu unterscheiden, sondern auch um seinen gross-schrecklichen Taten Tribut zu zollen. Wenn die Verfasser und Übersetzer von «Asterix bei den Schweizern» für ihre Figuren Namen wie Claudius incorruptus, Agrippus virus und Feistus Raclettus wählten, so waren damit das schweizerische Bank-wesen, die chemische Industrie und die Essgewohnheiten heiter auf die Schippe genommen. Was François Bondy als moralisch grenzwertig bezeichnete, waren Namensgeschichten, die wir aus gewissen Witzen kennen, wo ein im Westen neueingebürgerter galizischer Jude nach Hause kommt und seinen Lieben mitteilt, ihr Familienname laute nunmehr «Schweiss». Worauf seine Frau verständlicherweise die Frage stellt, ob er denn keinen sympathischeren Namen für ihre Familie habe beschaffen können, und der Mann antwortet: «Wenn du wüsstest, was mich das W gekostet hat!» – Namensgebungen geschehen nicht nur aus Bosheit und aus dem Willen, den anderen zu erniedrigen. Als Student wohnte ich in München bei einer liebenswürdigen Familie, die den im deutschen Sprachraum gewöhnungsbedürftigen Namen «Kotzenbauer» trug. Honni soit qui mal y pense! Der Name hat gar nichts mit Erbrochenem zu tun und geht auf ein aus den Turksprachen stammendes «Kotzak» zurück, vermutlich mit dem stolzen Namen der Kosaken verwandt. Der Name bedeutete also so viel wie «der freie Krieger, der inzwischen zum ansässigen Bauern geworden ist». Die Monoglotten denken meistens falsch. Nur die Mehrsprachigen erfahren die Wahrheit! Freilich haben die beiden Töchter, als sie heirateten, nicht darauf bestanden, um jeden Preis ihren Mädchennamen zu behalten.

Dass Spott und Häme aber oft der Grund für Necknamen als Fremdbezeichnungen sind, lässt sich nicht leugnen. Dafür sind jene Namen der Beweis, welche die Bürger der Unterengadiner Gemeinden jeweils für die Einwohner des Nachbardorfes fanden.  Gudench Barblan, Sekundarlehrer aus Sent, Dichter des Liedes «Chara lingua dalla mamma» – das Nationallied
der bündnerromanischen Ladiner! – und dazu Kantonspolitiker, hat diese wechselseitigen Spotthudeleien 1909 in der Zeitschrift «Annalas» publiziert. Das Spiel mit den Spitznamen
haben andere nach ihm weiterentwickelt, so dass inzwischen auch die Bewohner der Gemeinden des Oberengadins über Bezeichnungen verfügen, die zur intentionalen Beleidigungsstrategie gehören. Ich nenne hier nur einige: In Sent wohnen die Esel, in Scuol die Schweine, in Ftan die…