Martin Frank: Punk mit den Nuancen eines Orchesters

Martin Frank: Punk mit den Nuancen eines Orchesters

Anderssein täglich leben.

Homosexualität! Drogen! Mundart! Ende der 1970er Jahre wollte Martin Frank den Schweizer «Catcher in the Rye» schreiben und schuf mit «ter fögi ische souhung» einen in sprachlich-phonetischer wie auch inhaltlicher Sicht radikalen Entwicklungsroman, der noch heute, 40 Jahre später, in der Schweizer Literatur allein auf weiter Flur steht. Frank schrieb weiter, blieb aber stets Aussenseiter im gmögigen hiesigen Literaturbetrieb. Sprachlich in einer eigenen Liga, inhaltlich radikaler als alle anderen.

Der nun im Verlag Der gesunde Menschen­versand erschienene Band «i bi nöm bi öich» mit vier Texten aus verschiedenen Dekaden macht diese Radikalität beispielhaft erlebbar. Zur eigenwilligen Verschriftlichung seiner Mundarttexte fand Frank durch sein Studium des Tamil in Asien. Er schreibt, wie man wirklich spricht, und nicht eine an die deutsche Orthografie angelehnte Mundart. Das liest sich dann etwa so: «zwe politsischte ghejenes meitschi tschtägen ap» («lobo»). Der längste Text, «ä schöne buep seit adjö» (1982), basiert auf einem Hörspiel für Radio DRS und ist ein Epitaph eines jungen Mannes, der seinen Freund bei den Zürcher Jugendunruhen verlor. Franks Protagonisten sind Antihelden, die ihr Anderssein nicht schrill zelebrieren, sondern tagtäglich leben, weil sie nicht anders können. Und denen – selten, aber immerhin – Bewunderung zuteil wird, wie jene des todkranken Vaters in «mläder maasi fateter», der seinen Sohn, mit dem er lange nicht gesprochen hat, ein letztes Mal besucht. Dieser Sohn ist in der Sadomasoszene zu Hause, hat sich von jeglichen Konventionen befreit und es, wahrscheinlich, richtig gemacht, wie der Vater, ein ehemaliger Richter, zum Schluss kommt.

Die Texte zielen auf die Grenze des Erträglichen, aber nicht darüber hinaus, wie in «guatpoi», dem jüngsten, bis dahin unveröffentlichten Stück, das am weitesten geht. Das am ehesten zu scheitern droht – weil man glaubt zu wissen, wie es endet –, schliesslich aber durch seine Zärtlichkeit triumphiert. Hier schreibt einer, der niemandem etwas beweisen will, der nichts mit Zeitgeist am Hut hat – und genau dadurch einer der interessantesten Schweizer Autoren ist. Martin Frank ist Punk, voll auf die zwölf, mitten in die Fresse – aber mit den Nuancen eines Kammerorchesters.


Martin Frank: i bi nöm bi öich. Luzern: Der gesunde Menschenversand, 2019.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»