Editorial 08

Liebe Leser Da schreibe ein «widerlich arroganter Schnösel» an «banalen Reisenotizen», fand der Tages-Anzeiger zu Faserland. Ein immerhin «subtiler Splatterroman» sei sein zweites Buch 1979, fand die TAZ. Ein «Stahlgewitter für die VIP-Lounge» (ZEIT) sei Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten, der dritte Roman, und mehr noch, so die Frankfurter Rundschau: «einfach […]

Liebe Leser

Da schreibe ein «widerlich arroganter Schnösel» an «banalen Reisenotizen», fand der Tages-Anzeiger zu Faserland. Ein immerhin «subtiler Splatterroman» sei sein zweites Buch 1979, fand die TAZ. Ein «Stahlgewitter für die VIP-Lounge» (ZEIT) sei Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten, der dritte Roman, und mehr noch, so die Frankfurter Rundschau: «einfach schwachsinnig».

Beim letzten Wurf, Imperium, schoss sich das Feuilleton bequem auf die Personalie Christian Kracht ein. Dabei vergass man im Spiegel kurz, zwischen Autor und Erzähler zu unterscheiden, unterstellte Kracht in wirren Formeln, sich «ausserhalb des demokratischen Diskurses» zu bewegen. Solche Anschuldigungen genügen in Deutschland bekanntlich, um schlafende Hunde zu wecken. «Plagiat!», rief dann zum Schluss noch irgendein Schriftsteller, der auch schon über Kokosnüsse geschrieben hatte – beide Nebelkerzen initiierten eine rührselige Menschenkette durch alle Feuilletons. Und Kracht? Der sagte nichts, bloss seine Deutschlandreise ab.

Auf die einstweilige Inquisition folgte der Publikumserfolg (das Buch wird in 15 Sprachen übersetzt und schon bald verfilmt), folgte eine Art feuilletonistischer Heiligsprechung. So wurde schon Faserland zum «Kultbuch», zum «Gründungsphänomen» des «Literatur-Pop» (Moritz Bassler), so wie Imperium dieser Tage als «Reanimation des grossen Abenteuerromans» firmiert.

Was lernen wir daraus? Bei Christian Kracht finden wir keine einfachen Geschichten oder Erzählgegenstände, die sich intellektuell redlich auf wenigen Seiten ausschlachten lassen (auch in dieser Ausgabe nicht), auch kein immergleiches literarisches Prinzip, das sich allein an den Wänden des grossen «Ironie»-Waschsalons kondensieren liesse. Doch wir können sagen: Das ist anspruchsvolle und gleichzeitig erfolgreiche Literatur, die gehaltvoll, aber zugleich süffig-spielerisch und (über)blendend daherkommt. Literatur mithin, die die in den Köpfen gezogenen Grenzen von sogenannter Hoch- und Popkultur sprengt. Wir haben dem Künstler Christian Kracht deshalb eine Ausgabe dieses Magazins gewidmet.

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen!