Die grosse Freiheit

Ich bleibe bei der Freiheit. Grosses Thema. Joachim Gauck formuliert sie als Auftrag in Minibuchformat und setzt ihr auch die Toleranz an die Seite. Beide marschieren einträchtig (idealisiert) durch unsere Zeiten. Dann sehe ich einen Film, der einem das Blut stocken lässt: «Michael» vom österreichischen Regisseur Markus Schleinzer. Ein pädophiler Versicherungsmann «hält» sich einen Buben […]

Ich bleibe bei der Freiheit. Grosses Thema. Joachim Gauck formuliert sie als Auftrag in Minibuchformat und setzt ihr auch die Toleranz an die Seite. Beide marschieren einträchtig (idealisiert) durch unsere Zeiten. Dann sehe ich einen Film, der einem das Blut stocken lässt: «Michael» vom österreichischen Regisseur Markus Schleinzer. Ein pädophiler Versicherungsmann «hält» sich einen Buben im Keller. Das ist so schauerlich, so endgültig und eindeutig-uneindeutig grausam, dass man diese Maschine aus Zweisamkeit mit entsetztem Staunen beobachtet. Und Freiheit wird auf einmal eine sehr entfernte Gaukelei.

Dann denke ich an die Gäste des Kinos in Aurora, Texas, und die grosse Freiheit, sich ein Kinoticket kaufen zu können, die grosse Freiheit, sich eine Waffe samt Munition kaufen zu können, die grosse Freiheit, die Blumen zum Angedenken an einen erschossenen Freund ablegen zu dürfen. Es scheint: Freiheit hat mit «etwas tun können» und «etwas dürfen» zu tun.

Die grosse Freiheit ist dann: Etwas wann und wo auch immer durchführen zu können und zu dürfen. Auf dem Kreml «Pussy Riot» betreiben, dem Papst ein böses «Titanic»-Cover widmen, Wildblumen pflücken, mit Schleier Kurzstrecken laufen und mit Badekappe Judo treiben, das darf man, wenn man sich die Freiheit nimmt, es zu tun. Heikle Sache. Weil da in dem Ausdruck «Ich nehme mir die Freiheit» quasi auch schon die fatale Folge beschrieben wird. Als wäre also die Freiheit nicht eine exogene Riesenblase, sondern die eigene, endogene Schwimmblase. In mir ist Freiheit, die ich mir nehme, um eine Tat durchzuführen, die sie mir dann endgültig nimmt. Eine Melange von Innen- und Aussenfreiheit. Paradoxerweise lese ich gerade viel Jean Paul, der ja immer wanderte und im wahrsten Sinne Wege suchte und sich infolge dessen ganz andere Freiheiten genommen hat. In einem Interview musste ich gerade mit meinem Vater Fragen zum Thema «Freiheit» beantworten. Wir waren sehr einig im Gedanken, dass man Freiheit ja eigentlich erst bemerkt, wenn sie einem fehlt. Was fehlt einem eigentlich, wenn man sich so eine Waffe mit Munition, eine Maske und dazu noch am selben Abend ein Kinoticket kauft?