Ein Bad in den Wolken

Annatina Nay: Zu viele Gäste stören die Ruhe des Bades. Zürich: Limmat, 2013.

Ein Bad in den Wolken
(c) Markus Rottmann

Mächtig kommt das Unterland. Wie ein gewaltiger Strom schiesst in den 70er Jahren das Liquide den Berg hinauf, umspült einen Weiler und macht ein Kurbad wieder flüssig. Für kurze Zeit erlebt das verlassene Hotel Tenigerbad sein verspätetes Wirtschaftswunder. Als Reservoir für überschies-sendes deutsches Vermögen. Doch die Steuerflucht mündet in einem gigantischen, enthusiastisch feiernden Leck. Ein sektsprudelndes Finale einer Quelle und ihres Kurhotels, das einst als stolzer Vorposten der Belle Epoque in der dunkel bewaldeten Wildnis leuchtete.

In vielen Bergtälern sind sie zu finden, diese mondänen Häuser, in denen man badete, parlierte, Luft atmete und gemeinsam reich war. Doch mit dem Ersten Weltkrieg fand diese Freizeitgestaltung für Wohlhabende ein jähes Ende und nach dem Zweiten begannen die Bemühungen der Nachkommen, den alpinen Prunkbauten neuen Sinn zu geben. Von einem ganz besonderen dieser Wiederbelebungsversuche lesen und schauen wir in einem herrlich verschlungenen, bildreichen Buch, das der Limmatverlag aus dem Strom der jährlichen Abschlussarbeiten gezogen hat und das nun in überarbeiteter und ergänzter Form seinen berechtigten Platz fordert in der ernst zu nehmenden Bergbuchbibliothek. Denn in gleich mehrerlei Hinsicht setzt «Zu viele Gäste stören die Ruhe des Bades» einen neuen Standard. (Allein schon dieser Titel!) Wo sich die Coffee-Tables biegen vor schwelgerischen Bildbänden über Hotels mit ähnlich verwitternder Grandezza, begegnet dieses Werk seinem Waldhaus mit der Art von Respekt, neben der verklärende Nostalgie nur alt wirkt. Bibliophile finden hier ein ambitioniert gedachtes und gestaltetes Buch wie eine ehrliche letzte Ehre für einen Ort, in dessen Gemäuer so viel Zeitengeist umgeht, dass einem unheimlich wird. Das Tenigerbad war einst Opferstätte, hoffnungsvoller Familienbetrieb, ein Satellit der Belle Epoque, Internierungslager für deutsche Soldaten, Quelle für Medizinalwasser nach Übersee, hätte für Howard Hughes abgebrochen und nach Texas verschifft werden sollen, wurde knapp nicht zum Waffenplatz Sumvitg (einmal mehr griff die Liebe Frau vom Schnee rettend ein), dafür zur Ferienkolonie für Kriegskinder, aber dann doch kein Ort für Asylanten, lieber eine mächtig hingelogene Zweitwohnungsruine, einmal Alt-Nazi-Treff, wurde als dunkler Kasten, abgeschossen im hintersten Tal, heimliche Location für vulgäre Fotoshootings und hatte immer wieder Presse als grandiose Fehlinvestition eines wohlmeinenden Industriellen, der auf den Photos im Buch sinnig und schön mit Wolken vor dem Kopf erscheint. Eine erstaunliche Karriere für ein Anwesen, das doch die meiste Zeit über leerstand. Dafür jetzt die Fülle im Buch. Auf jeder Seite beginnt eine neue Geschichte, eine neue Wehmut, eine neue Vision, eine neue Hoffnung, eine neue Unmöglichkeit. Ein strenges gestalterisches System hält diesen Fundus der Erinnerungen gekonnt zusammen, es treffen Google-Earth-Bilder auf historische Zeichnungen, Familienalben auf Presseartikel, Speisekarten auf Exkursionskarten, hin und her blätternd und vielen Querverweisen folgend nimmt der Sog dieser spannenden Sammlung zu. Die weitverzweigten Rinnsale verdichten sich zum Erzählfluss. Und unter alledem die Tiefenströmung der Schweizer Tourismusgeschichte. Annatina Nay, die Autorin und Gestalterin, lässt konsequent die Einheimischen zu Wort kommen. Diejenigen, die sich neugierig näherten, die beglückt werden sollten, die zum Personal wurden, das sich mehr und mehr selbst beaufsichtigte, die zuschauen, verdienen, verhindern, schuld sind, plündern, sich kümmern, auch dann noch, wenn die Zukunft längst vorbei ist, die aufräumen und ganz am Ende den Schlüssel abgeben. Legt man diese rätoromanischen und auf Deutsch übersetzten Berichte zur Seite, wird man wohl nie wieder gedankenverloren vorbeiwandern an den eigentümlichen Grossbauten, die dem Berggänger aus vergangenen Zeiten begegnen oder kolossales für kommende Tage versprechen. Auch für die Zukunft des Buches – dieser Art Bücher – besteht kein Zweifel mehr.