Die achtzehn Köpfe der Esther M.

Die Ehrengabe des Gottfried Keller-Preises erhält in diesem Jahr der Roman «Vivre près des tilleuls» von Esther Montandon. So einfach ist es aber nicht. Tatsächlich hat das Buch nämlich achtzehn Autorinnen und Autoren, die sich im Kollektiv AJAR zusammengeschlossen haben. Eine Würdigung.

Die achtzehn Köpfe der Esther M.
L'AJAR, photographiert von Astrid di Crollalanza / Flammarion.

Wer oder was verbirgt sich hinter «L’AJAR»? «AJAR» steht für «Association de jeunes auteurs romandes et romands». Es ist also nicht der Name eines Autors, sondern jener von vielen Autorinnen und Autoren: von momentan achtzehn, um genau zu sein. «AJAR» spielt aber auch auf «Emile Ajar» an. Und was wissen wir über Emile Ajar? Vor allem, dass sein Name gar nicht Ajar war. Sondern Romain Gary: und der war Pilot der Freien Französischen Luftwaffe unter de Gaulle, ausserdem Autor (unter dem Pseudonym Emile Ajar), des weiteren Regisseur, Übersetzer, Diplomat:

«Er gehört zu diesen Autoren, die einen starken Eindruck machen, vor allem, wenn man sie als Teenager entdeckt. Für andere aber waren er und Emile Ajar nicht viel mehr als ein Name, als wir das Kollektiv gegründet haben», teilt AJAR auf Anfrage mit. Der Name spielt also ganz bewusst auf die Literaturgeschichte an. Und um ein Stück (noch ungeschriebener) Literaturgeschichte, made in La Chaux-de-Fonds, geht es denn auch in AJARS preisgekröntem Erstling.

«Vivre près des tilleuls» besteht aus den fingierten, postum veröffentlichten Aufzeichnungen von Esther Montandon. Esther wer? Esther Montandon, so legt AJAR es nahe, sei eine der bedeutendsten Autorinnen der Romandie der 50er- und 60er-Jahre, eine Legende, eine Grande Dame, die, wie wir im Vorwort erfahren, für einmal nicht nur in der Deutschschweiz viel zu wenig bekannt sei. Dass sich das ändere, ist die Hoffnung von Vincent König, dem Depositär der hinterlassenen Schriften von Montandon: er berichtet in seinem aufschlussreichen Vorwort von einer Fülle an Manuskripten, Postkarten und Heften aus der Hand der Autorin, über die man sich im nun vorliegenden 130-Seiten-Werk Überblick verschaffen kann.

Esther Montandon, so erfahren wir, ist Autorin von vier Büchern, erschienen zwischen den 1950ern und 1980. 1960 erfolgte eine Zäsur, die ihr Leben für immer änderte: ihre Tochter starb bei einem Unfall. Die Autorin wurde durch diesen Schicksalsschlag so sehr aus der Bahn geworfen, dass sie literarisch beinahe verstummte und die meisten ihrer Schriften aus der Zeit vor dem Todesfall vernichtete. Was für ein Glück, dass nun ihre Aufzeichnungen aus der Zeit ihrer «Silence éditorial» gefunden wurden! Entstanden ist unter den Händen AJARS eine Sammlung von Impressionen, Gedanken, Erinnerungen und kleineren Aufzeichnungen: Auf 130 Seiten finden sich Zeugnisse von Montandons Ringen und Hadern und ihrer verzagten, noch kaum sich eingestandenen Hoffnung auf ein Ende dieses Schmerzes.

Esther Montandon, Vincent König – alles frei erfunden! Aber alles andere als frei erfunden: der prestigereiche Verlag Flammarion in Paris, Heimat von Michel Houellebecq, der den von AJAR geschriebenen Roman verlegt. Wobei sich die Frage stellt, ob «ediert» es nicht besser trifft. Es sind nur schon solche Unsicherheiten, die das Buch lesenswert machen. Fest steht, dass AJAR als Herausgeber firmiert und sich auch immer wieder mit im Text vermerkten Kürzungen und Auslassungen am Material zu schaffen gemacht hat. Dank dieser Herausgeberfiktion können in dem Buch ganz verschiedene Texte verbunden werden: so verschieden also die achtzehn Köpfe der Esther M., so verschieden Schärfe und Güte des Geschriebenen. Das Buch lebt an den besten Stellen von rigoroser, beklemmender Auslassung – während es an den schwächeren etwas gar redselig ist. So entsteht manchmal der Eindruck, dass es unter den Produktionsbedingungen des Kollektivs vielleicht auch der eine oder andere Text mehr in den Druck geschafft hat, als wenn «nur» eine Autorin gezeichnet hätte.

 

Lustvoll, klug und doppelbödig

Aber AJAR geht ja auch viel weiter als «nur» bis zum Ausleben der kollektiven Autorinnen- und Herausgeberfiktion. So kuratierte man in Québec eine ganze Ausstellung zu Esther Montandon: «Wir haben den Mythos des Autors szenisch profaniert […] – mit dem Humor und der Leichtigkeit, die typisch ist für uns», schreibt AJAR auf der eigenen Website. Fotos von der Ausstellung zeigen AJAR um Glaskästen versammelt, in denen Schreibmaschinen und andere Trouvaillen aus Montandons Leben der Blicke harren. So werden die Grenzen zwischen literarischer Fiktion und ihrer musealen Konsumierbarmachung noch konsequenter demontiert. Lustvoll, klug und doppelbödig. Das Leben der Esther Montandon hat AJAR auch schon an einer literarischen Velofahrt erkundet. Man radelte mit Publikum zu den Orten ihres Lebens in La Chaux-de-Fonds und las aus dem Werk.

Man sieht: AJAR hat viele zündende Ideen zur Literatur, zu ihrer Vermittlung und ihrem Ort in der Gesellschaft. So auch die Lesungen: einer liest; jemand zweites tritt hinzu, liest ebenfalls. Die Frage ist: was für ein Text? Ist es ein eigener? Ist es der Text eines anderen? Und grundsätzlicher: wer liest hier überhaupt? Denn während AJAR nach und nach auf die Bühne kommt, um zu lesen, bewegen die anderen die Lippen synchron dazu, stumm zunächst, dann mit mehr und mehr Stimme, bis ein Grundrauschen entsteht und die letzten Grenzen zwischen den Lesenden verfliessen. Die in der gemeinschaftlichen Produktion der Texte angelegte Auflösung des Autorensubjekts findet mit dieser minimalistischen Intervention einen kongenialen Ausdruck.

 

Unmöglich? Habakuk!

Im Nachwort beschreibt AJAR die Entstehung von «Vivre près des tilleuls». Hier ist die Rede von einer Retraite auf dem Land, von der Idee, gemeinsam in einer Nacht «voll Grillen und Rum» einen Roman zu schreiben. Treffen sich achtzehn Autoren und schreiben ein Buch – verlockend oder abschreckend? Schwer zu sagen, obschon AJAR eine erfrischende Antwort liefert. Solches Schreiben ist «entmystifiziert» und hat nichts Hohepriesterlich-Weihevolles mehr, es ist durch und durch pragmatisch, lustvoll und handwerklich. «Es ist nicht möglich, zu achtzehnt einen (anständigen) Roman in einer Nacht zu schreiben», war dazu von AJAR in Erfahrung zu bringen. Die Unmöglichkeit, abschreckend? Habakuk! Wieder AJAR: «Da die Zeit für das Projekt knapp wurde, viele von uns anderes vorhatten (Ferien, Reisen, Kinder, Jobs), hatten wir keine Wahl: es musste klappen!» Und dafür, dass es klappt, hat AJAR vorgesorgt.

Die Gruppe arbeitet ähnlich wie die «Writers Rooms» der grossen, erfolgreichen TV-Serien. Die Grundzüge der Texte entstehen im Plenum. Dann erarbeiten kleinere Gruppen das Szenario, andere Leute setzen es um, schreiben einzelne Abschnitte, und wieder andere kümmern sich um den Zusammenhang im entstehenden Gesamttext, etwa um Details, Dekor, Figurenentwicklung. Für die Erarbeitung des in dieser Ausgabe abgedruckten Textes «What Do You Do?» (S. 42) beispielsweise wählte AJAR zunächst Projektverantwortliche. Diese erteilten anderen Mitgliedern Schreibaufträge. Das Schreiben fand im stillen Kämmerlein statt, auch über SMS oder via Dropbox: dort kann jedes Mitglied in den entstehenden Text eingreifen, nicht nur in die eigenen Passagen – dezentral und anonym. Die Handschriften der Autorinnen und Autoren lösen sich im Digitalen auf. Ist der Text geschrieben, klemmen sich schon wieder andere Mitglieder dahinter, büscheln und korrigieren ihn und machen ihn publizierbar. Doch noch nicht einmal damit hat es sich, denn für die Lesungen, an denen oft andere Leute beteiligt sind als die der Produktion, werden Umstellungen und Kürzungen vorgenommen, die sich dem Zugriff der einzelnen Schreiber entziehen. Es entsteht ein so hochgradig arbeitsteiliger Prozess, dass am Ende keiner mehr genau weiss, wer was geschrieben hat. Und das alles noch vor der szenischen Demontage des Autorensubjekts.

Man sieht: die Utopie des kollektiven Schreibens, der Auflösung des Autorenegos zugunsten des gemeinsamen Alter Ego, Literatur, hergestellt von Gleichen unter Gleichen, erfordert enorm viel Pragmatismus und fast schon redaktionell anmutende Arbeitsabläufe. Auch sonst versöhnt AJAR Utopie und Pragmatismus. So wählt man bewusst immer wieder Projekte, die anfangs eine Nummer zu gross erscheinen, um an der erfolgreichen Umsetzung zu wachsen, und natürlich ist man exzellent vernetzt und durchorganisiert – die Aufnahme neuer Mitglieder ist ebenso geregelt wie Jahresbeiträge oder die Frage nach dem letzten Wort bei Uneinigkeiten im Schreibprozess. In solchen Fällen sind einige Mitglieder dann doch ein bisschen gleicher als alle anderen – wie sollte man sonst auch die Beiträge und Anmerkungen von achtzehn verschiedenen Leuten zu ein und demselben Text unter einen Hut bringen? So berichtet AJAR von einem Schiedsgericht, mit erfrischender Direktheit «Despotes» genannt: «Sobald jemand Despote ist, hat er oder sie das Wort und das Recht, Entscheidungen zu treffen.» Im Gegensatz zu seinen realweltlichen Pendants gründet die Macht dieser Despoten nicht auf Willkür und Gewalt, sondern auf dem Vertrauen der anderen Mitglieder.

Das Fahrenlassen der Kontrolle über das eigene Werk ist nur eine von vielen Herausforderungen, die AJAR annimmt, nicht die geringste darunter ist, dass seit Gründung des Kollektivs die Hälfte aller Mitglieder einen Verlag gefunden hat. Die Chuzpe und Konsequenz, mit der hier der eigentlich naheliegende Gedanke einer literarischen Gruppe zu Ende gedacht wird, besticht in jeder Hinsicht. Es wird spannend zu verfolgen, wie sich AJAR als Ganzes und, wohl mehr noch, wie sich die einzelnen Mitglieder zwischen der spielerischen Leichtigkeit des Gruppenschreibens und dem sprichwörtlichen stillen Kämmerlein weiterentwickeln.


Gregor Szyndler
ist redaktioneller Mitarbeiter dieser Zeitschrift.