Durchschnittliches Glück

Isabelle Flükiger: Bestseller. Zürich: Rotpunkt, 2013.

Durchschnittliches Glück

Wandel steht wedelnd vor der Türe: In Form eines kleinen, bunt gescheckten Hundes hält die Veränderung Einzug im sanft vor sich dahin plätschernden Leben eines jungen Schweizer Paars. Die Ich-Erzählerin und ihr «Teuerster» gehören zu den gut ausgebildeten Dreissigjährigen, denen viele Chancen in die Wiege gelegt wurden. Ihr Weg ist mit Heirat, Haus und Kindern vorgezeichnet. Während er sich als Lehrer mit lernfaulen Schülern herumschlägt, verrichtet sie in einem Kunstbetrieb Sekretariatsarbeiten – und träumt insgeheim
davon, einen Bestseller zu schreiben. «Bestseller», so nennt sich denn auch der kürzlich auf Deutsch erschienene Roman der 34jährigen Westschweizer Autorin Isabelle Flükiger.

Hund Gabriel fällt wie der Erzengel persönlich vom Himmel, verkündet aber nicht nur frohe Botschaften, sondern versetzt das Leben des Paars in Schieflage. Die beiden nehmen bald nicht nur den Hund, sondern auch einen kurdischen Flüchtling bei sich auf, gehen auf Konfrontation mit einem rassistischen Nachbarn und geraten schliesslich in existenzielle Nöte. Der «Teuerste» scheitert an seinen ideologischen Ambitionen, und die Ich-Erzählerin wird in ihrem von Sparmassnahmen bedrohten Kulturbetrieb ebenfalls auf den Boden der Tatsachen geholt.

Fast ein bisschen zu «schnuckelig», das Setting dieser «auf den Hund gekommenen» Geschichte. Flükiger spielt zwar mit märchenhaften, betont zuckersüssen Elementen, lässt aber dazwischen die nötige Portion Ironie aufblitzen, um die Schweizer Behaglichkeit zu dekonstruieren. Es geht um das Dilemma junger Menschen in wohlhabenden, gesättigten Gesellschaften, um ihr Bedürfnis nach Geborgenheit bei gleichzeitiger Sehnsucht nach dem wilden Abenteuer – nach den «verpassten Anderswo, die Angst und Träume bringen». Durchschnitt zu sein, davor fürchtet sich die Generation Ikea am meisten. Und fühlt sich doch stets nur wie ein Rädchen im Getriebe, denn: «Das Wunschdenken ist das Opium des Idioten.»

Die Autorin fängt in ihrem vierten Werk damit zwar ein Lebensgefühl ein, das etwa vielen jungen Studienabgängern bekannt vorkommen dürfte. Insgesamt kommt der Roman aber zu harmlos daher, um dem Thema neue Seiten abgewinnen zu können. Fast entsteht der Eindruck, die Autorin hätte sich selbst an der schweizerischen Bescheidenheit, die ihre Protagonisten monieren, orientiert – an die Substanz geht es nämlich weder den Protagonisten noch den Lesern. Kein Vergleich also mit Flükigers viel gelobtem Debütroman «Du ciel au ventre», in dem sich zwei Freundinnen aus Langeweile prostituieren. Die junge Schriftstellerin hat sich offenbar nach drei Büchern über die Sehnsucht nach dem Ausbruch genügend ausgetobt: Das «leidige Mittelmass» ist zentrales Thema ihres Schaffens – über selbiges kommt aber auch ihr neuer Roman leider nur selten hinaus.