Ein Koffer voller Wünsche

Martin R. Dean: Ein Koffer voller Wünsche. Salzburg / Wien: Jung und Jung, 2011.

Ein Koffer voller Wünsche

Heimkehren oder ausreissen – diese beiden Vektoren umreissen den Zwiespalt, der mehreren Büchern von Martin R. Dean einbeschrieben ist. Der 56jährige Basler mit Wurzeln in Trinidad reiste vor acht Jahren im Roman «Meine Väter» in seine zweite Heimat. Im neuen Roman «Ein Koffer voller Wünsche» öffnet er dieses Spannungsfeld von neuem.

Filip Shiva Bellinger, ein Mann im mittleren Alter, sucht seine Rolle im Leben. Seine Freundin Maia wünscht sich eine Heirat, was ihm eine Entscheidung abnötigt, für die er sich nicht bereit fühlt. Damit gäbe er die Jugend, die Offenheit, ja das freie Leben endgültig auf. Deshalb will ein solcher Schritt gut bedacht sein, auch wenn sich Filip im tiefsten Herzen bewusst ist, dass er gar keine Wahl hat. Eine sechsmonatige Auszeit, so die Idee, würde ihm helfen, Klarheit zu finden. In London würde er auch nach seinem Vater suchen, den er hier wähnt, lebendig oder begraben. Nebenher jobbt er in einem Reisebüro, das auf Schweizer Ferien spezialisiert ist. Er verkauft die eigene Heimat als Postkartenidyll, das ihm selbst fremd ist – ein schöner ironischer Dreh des Autors. So lernt Filip über die Wünsche der Kunden eine Sehnsuchtsdestination kennen, die ihn unweigerlich an die früheren Ausfahrten mit der Mutter erinnert.

Die räumliche Distanz akzentuiert allerdings auch die Entscheidungsnot. Maia dringt nur als Stimme im Telefon bis zu ihm durch, während gleich vor der Haustüre die Freiheit lockt. Hier, in der Mitte des Romans, kulminiert die subtile Spannung. Zwei Ausgänge lassen sich denken. Entweder verschwindet Filip irgendwohin in die Welt, oder er ergibt sich den Schalmeientönen der Ehe. Martin R. Dean begleitet seinen Helden behutsam durch die Untiefen dieses Dilemmas. Filip liebt seine wunderbare Maia und fühlt sich dennoch durch ihre Zielstrebigkeit verunsichert. Die Suche nach dem Vater ist unterschwellig auch eine Suche nach dem Vater in sich selbst. Wäre er einer solchen Rolle besser gewachsen? «Ein Koffer voller Wünsche» beschreibt diesen Zwiespalt präzise und mit feinen Antennen. Dabei wird auch die Schweizer Heimat in ironischer Zeichnung zu einem Sujet, das der Held aus der Londoner Ferne neu erlebt. So kommt es (beinahe), wie es kommen muss.